Anmerkungen:
Zu dem vorstehenden Bericht hier die tageweisen Aufzeichnungen. Die Schrift, auf russischem,  vergilbten Papier, ist sehr schlecht geworden, trotzdem versuche ich, die Übertragungen. Bezüglich der Orts– und Familiennamen gilt auch das im Vorwort genannte. (G.F.Dose)

29. September 1941

Schon seit einiger Zeit haben wir uns mit dem I. Bataillon südwärts vom Urisk in einem sogenannten Kraftwerk eingenistet. Was dieses Werk nun eigentlich darstellt, das haben wir noch nicht enträtseln können. Um dieses sagenhafte Bauwerk stand bzw. steht ein hoher Bretterzaun. In jeder Ecke des Zauns sind Scheinwerfer angebracht, um bei Nacht den Zaun genau beleuchten zu können. Vielleicht fürchtete man sich vor Saboteuren oder Volksverrätern. Jedenfalls hat dieses Werk, das mitten im freien Gelände steht, einen Wasserturm. Dieser Wasserturm ist unsere B–Stelle. Von hier oben sieht man Türme der alten Zarenstadt St. Petersburg sowie die neuen sogenannten Giganten von Leningrad. Neben der goldenen Nadel und den Kuppeln von Kathedralen, Kirchen und Kapellen mit Zwiebeltürmen sieht man die gewaltigen Komplexe sowjetischer Baumeisterschaften. Außer Bauwerken, die den Sowjets als Schaustücke für Ausländer besonders lieb waren, sahen wir mehrere Flughallen eines Leningrader Flugplatzes. Man sieht Hafenanlagen, Docks und Krane, leider auch noch qualmende Fabrikschornsteine. Von diesem Turm sehen wir das ganze Vorgelände und haben somit eine herrliche Beobachtung. Schon oft haben wir ein Kampfesschauspiel von diesem Turm gesehen und dann unsere Meinung hinzu gegeben. Gute hundert Meter von diesem Turm entfernt stehen unsere Geschütze. Ein Wall in Hufeneisenform soll ihnen etwas Schutz geben. Um unsere beiden Spritzen herum hausen unsere Bedienungsmannschaften in "pompös" eingerichteten Erdbunkern. In ihnen finden wir Borde, Haken und Lampen und in einem sah ich sogar einen Ofen. Man hat ja auch schon drei Monate Zeit gehabt, Erfahrungen für den Bunkerbau in russischen Verhältnissen zu sammeln. Und aus dieser Feuerstellung wurden dem Feind schon einige hundert Granatengrüße entgegen gebracht. Das macht immer Laune, wenn es einmal wieder geklappt hat. Oft klappte es ja auch nicht.

Hier erlebten wir schon Regen, Matsch, Sonnenschein, Kälte, Frost (im September), etwas Kohl-dampf, Essen in guter Qualität und Quantität, Beschuß, Flugblättersegen von Ratas genau wie Bordwaffensegen und friedliches Leben, kurz: wir lebten hier in mehr oder minder ernsten und heiteren Stunden.

Einige von uns, so sagte man mir, verbringen die Zeit mit zoologischen Züchtereien. Dies hat aber nachgelassen. Die Schützenkompanien waren zum Teil toll verlaust.

Im Turm ist außerdem die B–Stelle einer 21 cm Mörserbatterie. Mit ihnen erleben wir gemeinsam die Stunden verschiedenen Charakters. Wir tranken schon gemeinsam Steinhäger, sowie wir gemeinsam russische Angriffe abwehrten.

In einer Holzbude, die früher einmal ein Radiolager gewesen ist, stehen unsere vier Pferde von den kleinen Russenprotzen, auf die wir unsere Geschütze aufprotzen. Die Pferde stehen zwar ziemlich eng, aber das muß gehen. Heu bekommen sie genug. Jeden Abend müssen sie unsere Munition herbringen. Somit haben sie jetzt ihren regelmäßigen Dienst.

Aber nun will ich endlich zum heutigen Tagesbericht kommen. Die letzte Nacht war für uns nicht gerade die ruhigste. Schon gestern begann der Russe mit einem stärkeren Artilleriefeuer. Er schoß erstmalig mit einer von uns genannten Raketenbatterie, nachdem wir wieder einmal das wunderbare Schauspiel eines nächtlichen Fliegerangriffes auf Leningrad erlebten, wobei unsere Flieger Brandbomben und Bomben schweren Kalibers warfen. Bereits in der Nacht gegen zwei Uhr hörten wir Infanteriefeuer, so daß "erhöhte Gefechtsbereitschaft" befohlen wurde. Schon lange hatten wir auf einen russischen Angriff gewartet. Jetzt war er gekommen. Das Feuer beruhigte sich aber. Im Morgennebel nach erneutem feindlichen Artilleriefeuer begann der Film von Neuen. Zunächst konnten wir nichts erkennen. Störungs– oder Sperrfeuer konnten wir auch nicht schießen, da noch jede Kompanie einen Spähtrupp ausgesandt hatte, die nun auf den Feind gestoßen waren. Aber bald wurde die Sicht besser und wir konnten vor Urisk acht feindliche schwere Panzer erkennen. Zunächst nahmen wir mit unseren beiden Geschützen die russische Infanterie unter wirksames Feuer, so daß diese von uns abließ. Der Feind griff die Regimenter 209 und 220 an. Den Angriff selber konnten wir nicht beobachten. Wir konnten lediglich feststellen, daß der Angriff diesseits der Bahnlinie nicht voran kam. Die Panzer schossen eifrigst. Ein Panzer bekam von der leichten Pak 11 Treffer und fuhr trotzdem weiter. Unsere 3. Mörserbatterie konnte eine 250 Pfundsache so landen, daß eines dieser Russenungetüme liegen blieb, worauf Hauptmann Leicher (?) seinem 2. Geschütz den "weißen Ring" verkündete. Die Panzer schossen und schossen, aber die russische Infanterie kam nicht voran, dank der Abwehr von IR 220, Artillerie und nicht zuletzt unseres Zuges. Sandten wir den Russen doch an die 200 Granaten hinüber.

Am Nachmittag kamen die Panzer noch einmal, schossen jedoch nicht, sondern tobten nur so im Gelände umher. Man sagt, der eine hätte Batterien eingeschossen per Funk.

Aber unser lieber Turm findet wohl doch nicht das Wohlwollen des Russen; er bemüht sich ihn mit einem leichten Kaliber, wahrscheinlich 7,5 cm, zu treffen. Dabei ging ein Koffer in eine Garage, in der 17 Mann lagen. Der Tisch und die Bänke wurden total demoliert. Den Leuten aber geschah nichts. Einigermaßen schwarz kamen sie heraus.

Und gegen Abend dieses Tages wurde man noch mit MG–Feuer erfreut. So schliefen wir die Nacht mit einigen Hindernissen. Unsere 7,5 cm Konkurrenz von der anderen Seite ließ alle 2 Minuten von sich hören. Und so schliefen wir in den.....