30. September 1941

Am Morgen war starker Nebel, so daß wir nicht beobachten konnten. Als sich der Nebel aber verdünnte, erkannten wir bei den abgebrannten Häusern schanzende Russen. Die Konkurrenz meldete sich immer noch. Wir legten ihm dann einen Feuerüberfall von 6 Granaten pro Geschütz. Aber prompt darauf gab es die Antwort. Der Russe setzte eine Granate genau oben in den Turm über das B–Stellenfenster. Dem Leutnant Hüning von den Mörsern sowie unserem Mümmelmann passierte nichts. Aber unser lieber Müllerstedt, der unten im Wasserturm neben mir saß, bekam zwei Splitter in den linken Fuß. Ober, wo das Dach und das Mauerwerk zusammenstoßen, ging die Granate hinein. Die beiden Splitter, die Hans Müllerstedt trafen, durchschlugen die starke Bretterlagen und trafen dann seinen Fuß. Leutnant Hüning hatte ein verdammtes Schwein Die Splitter rasten hart an ihm vorbei. Ja, Glück muß man eben im Krieg haben, vor allem hier in Rußland, dem Sowjetparadies.

Verpflegungsmäßig sind wir der ersten Kompanie unterstellt, die sehr zuvorkommen für uns sorgt. Die Verpflegung kommt gut in Pergamentpapier eingepackt bei uns an. Für jeden ist sein Päckchen fix und fertig. Das dürfte unserer Küche gegenüber eine wesentliche Verbesserung sein! Wir sind sehr zufrieden und werden mehr als satt.

Heute morgen stellten Funker von den Mörsern ihren Funkkasten hier zu uns herein. Ich stellte schöne Tanzmusik ein (von England natürlich!) Man hörte auch etwas von "Swingtime". Unsere Freude war recht groß, aber oh leider nahmen die Funker ihren Apparat wieder zu sich. Da war die Freude vorbei!

Vorhin wurde auch festgestellt, wieviel Granaten wir schon verschossen haben. Das rechte Geschütz hat hier im Osten schon 983 und das linke 637 Granaten verschossen. Das ist nicht gerade wenig!

Aus dem sogenannten Handtuchwäldchen beehrt uns noch das 7,5 cm Geschütz mit einigen Grüßen. Günther Wenkel ist zum Hauptverbandsplatz. Ihm soll dort ein Zahn herausgezogen werden. Wir wünschen ihm viel Geduld und wenig Schmerzen.

Mit großer Präzision hat der Russe direkt neben unseren "Donnerbalken" einen Trichter hingesetzt. Zwei Pferde mußten dabei ihr Leben opfern. Unseren Pferden im Stall passierte nichts. Gott sei Dank verspürte in diesem Moment keiner ein menschliches Bedürfnis, das ihm hätte teuer zu stehen kommen können. Nun sehe ich mich veranlaßt, dieses im Bilde fest zu halten.

Ich sprach vorhin schon von den abgebrannten Häusern. Hier soll kurz die Geschichte dieser Häuser erzählt werden. Schon an dem Tag an dem wir hier einzogen, sahen wir diese drei Häuser in hellen Flammen. Am nächsten Tag erkannten wir Russen bei diesen Häusern und in den Mulden, die in der Nähe dieser Häuser sind. Wachtmeister Kohn von der leichten Feldhaubitze und wir beschossen gemeinsam die Russen dort und trieben sie aus den Feldbunkern heraus. Der Boden wurde den Russen zweifelsohne zu heiß. So wurden die Häuser einige Tage Niemandsland. Schließlich richtete IR 220 dort einen Stützpunkt ein, der sich immerhin ziemlich klein und häßlich machen mußte. Alsdann stieg der gestrige russische Angriff. Aufgabe eines jeden Stützpunktes ist es ja, sich bei stärkeren Angriffen zurückzuziehen. Als sich diesem Stützpunkt dann ein russischer Panzer und Infanterie präsentierte, gaben die Landser ihren werten Ort, die abgebrannten Häuser auf. Leider mußten wir beobachten, daß sie einen ihrer Kameraden gefallen zurück lassen mußten. Gegen abend wurden bei den abgebrannten Häusern bereits zwei Russenkompanien gemeldet. Und heute haben sich die Russen da ganz frech eingeschanzt. Man kann die meisten ihrer Bewegungen sehen, was für uns ja günstig sein dürfte. Leider macht man uns die Beobachtung ja etwas ungemütlich. Und eben wird festgestellt, daß ein Russe mit einem deutschen Stahlhelm herumläuft. Vielleicht hat man dem deutschen Gefallenen den Stahlhelm abgenommen, womit die Russen täuschen wollen. Nun soll gegen 17 – 18 Uhr von der ersten Kompanie ein Aushebekommando dorthin. Wir alle erwarten das Ergebnis mit Spannung. Ich verspreche mir jedenfalls keine große Erfolgsmeldung. Ja, und das ist die Geschichte der abgebrannten Häuser; das rechte liegt (nur IG–Leute herhören) 625 mehr von Grundrichtung 900 bis 1000 Metern.

Ja, und nun, was man so über den gestrigen Russenangriff gehört hat. IR 220 konnte 170 Überläufer im Gefechtsbericht buchen. Bei uns kamen auch ein paar an. Die Überläufer stammten vom russischen Regiment 35, das nach den Aussagen von Gefangenen vollkommen aufgerieben wurde. Bereits in der Nacht gegen 2,00 Uhr sollten sie angreifen. Man hat aber nicht gewollt. Sechs Mann sollten daraufhin erschossen worden sein. In der Morgendämmerung griffen sie dann wirklich an. Und weiter sagten die Gefangenen, daß die Kompanien im Durchschnitt noch 50 Mann zählten. Die zivile Verpflegungslage in Leningrad soll auch nicht gerade rosig sein. Viele Geschütze mit genügend viel Munition soll in Leningrad sein. Dies bezweifeln wir auf keinen Fall. Infanteriemunition sollen mehr als genug da sein. Auch das glauben wir. Die Gefangenen sagten von De-monstrationen in Leningrad gegen Juden und Kommissare. Uns kam das aber als fragwürdig vor. Die Knute regiert doch zu sehr im "Paradies". Seine Panzer sollen mehr für Propagandazwecke benutzt werden, als für den Kampf. Soldaten sind nicht im Überfluß in Leningrad. Mögen diese Aussagen auch rosig erscheinen, so muß man doch feststellen, daß der Russe voll matschig ist, aber doch noch tut, was in seinen Kräften steht. Wir würden es nicht anders tun.

Eben zogen die Funker wieder bei uns ein. Hoffentlich bleibt der Apparat jetzt hier!

Und als der Stoßtrupp gestern von der Gegend der abgebrannten Häuser zurück kam, war die Ernte kläglich. Man brachte zwei Verwundete mit zurück. Der Russe sitzt zu stark drin. Irgend so ein V.B. von der II. Abteilung schießt da alle paar Minuten einen Schuß hin. Er sollte dort man richtig reinhalten, so mit 40 Granaten. Das wäre richtig. Die dritte Kompanie liegt nur 100 Meter von Russen weg. Man wollte dort schon eine Handgratenzugsperre anlegen. Der Russe meutert aber darüber. Man ließ es sein.

Inzwischen hat sich herausgestellt, daß der russische Panzer nicht durch einen 21 cm Mörser erledigt wurde, sondern daß der Panzer auf die deutsche Minensperre gefahren ist. Die Minen liegen 10 Meter von einander entfernt. Der Panzer suchte sich aber den Weg, na jeder muß wissen, wo er gehen und stehen will.

Am Abend erlaubten wir uns, Nachrichten und etwas Musik zu hören. Es war ganz angenehm. Man dachte schon an Frieden, oder ...., na, ich will nicht zu viel sagen.