Heute morgen baute ich einen neuen Ofen, der alte Radioapparat stank zu sehr. Günther Wankel wollte unser Palais schon "Räucherkammer" taufen. Deshalb ging ich dabei und töpferte einen aus einer Gußeisenplatte und Ziegelsteinen. Er wärmt sehr gut. Und das geröstete Brot schmeckt auch gut.
Heute ist der Russe sehr friedlich. Erst gegen Nachmittag schoß er ein paar Granaten auf unser Werk. Dagegen ist die Fliegertätigkeit etwas regsamer.
Ein paar Überläufer sagten heute morgen, daß der Russe wieder einmal angreifen wollte. Tatsäch-lich kam er dann auch. Wir schossen ein tadelloses Sperrfeuer, das aus dem Bunker ausgelöst wurde. Wachtmeister Kohn meldete sich wenig später mit seiner Batterie. Natürlich wurden die Russen abgeschmiert. Leider sind 4 Verwundete beim I. Bataillon zu verzeichnen. Einer sagte mit Kopfschuß: "Dem Hesing schoß der Russe heute morgen mit der Artillerie die Leitung kapput. Die Fensterscheibe von unserem Bunker ging bei dem Beschuß ebenfalls in Trümmer. Und nach dem einige Stunden ganz ruhig verliefen, fiel plötzlich ein Panzerschuß, der unseren Bunker erzittern ließ. Die verdammte Artillerie schoß wieder und ziemlich außer Atem kam Lindemann an. Er wollte eine Meldung bringen für Ltn. Münstermann."
Wie sich noch herausstellte, stimmte es nicht, daß die Sowjets eine Division vom Ural in den Kessel von Leningrad geworfen haben. Das haben die Kommissare den Russen nur erzählt. Genau so soll Kingissepp und Pleskau, wie die Bahn Moskau – Leningrad wieder in russischer Hand sein. Man benutzt also Falschmeldungen, um die Stimmung der Roten Armee aufrecht zu erhalten. Das traurige ist nur, daß die Roten Soldaten nur von den Kommissaren Nachrichten erhalten. Aber die Wahrheit hat immer die längsten Beine gehabt.
Gestern sollten wir auch abgelöst werden. Aber, wie so oft, war die Ablösung ein : "Errare humanum est." Wir blieben und bleiben in dieser Stellung. Dieses Lied der Ablösung kennen wir aber nun schon seit dem 22. Juni. Und da wir nicht abgelöst worden sind, bleibt Ltn. Münstermann auch noch erst bei uns. Er soll nun die 3. Kompanie übernehmen.
Die Überläufer, die den Angriff der Russen meldeten, sagten auch noch, daß ihnen die kleine Artillerie sehr unliebsam sei, denn so viele Granaten fallen auf einen Fleck innerhalb so kurzer Zeit. Somit dürfte unsere Waffe beim Feind doch Respekt erworben haben. Nebenbei waren es 28 Überläufer.
Nachdem Günther Wenkel und ich eine Nacht so ruhig, ohne jede Störung, ohne Kälte und Zugluft geschlafen hatten, offenbarte sich der Morgen mit Sonnenschein und ... Frost. Aber die Ruhe, die über der Front liegt, wirkt so gemütlich auf die Seele der Landser. Trotz Bunkern oder Erdlöchern, Dreck und Kälte, meint man es sei ein Sonntag. Dabei ist heute doch Sonnabend, aber die Stimmung ist nach Sonntag und das ist entscheidend. Wir in der 58. ID haben ja die Erfahrung machen müssen, daß der Sonntag für uns meistens ein besonders historischer, strapaziöser Tag ist. So müssen wir uns einen Alltag als Sonntag wählen. Deshalb ist heute für uns Sonntag. Leider ist bei uns kein Funker mehr, der und durch das ewige sagen von: "Gegenstelle Thiel, Gegenstelle Thiel, melden sie sich, melden sie sich für Gegenstelle Mundt (?)" und "erfreut". Man kann aber noch mehr Freude daran haben, wenn er Musik einschaltet, die einen meistens erfreut.
Heute der Sonntag ist beinahe wie gestern, die Landschaft sieht leicht weiß aus. Der Winter kommt. Das I. 154, dem wir unterstellt sind, soll in Reservestellung kommen. Somit auch wir. Am 14. Abends soll die Ablösung erfolgen. Wir wollen daran glauben. Man spricht auch davon, daß die gesamte Division abgelöst werden soll, in Kranogwardeisk (?), so sagt man, sollen drei Divisionen aus Frankreich kommend, eingetroffen sein. Vielleicht kommen wir nach Frankreich, um die Waffen, Klamotten und uns zu überholen. Wir wollen der Hoffnung Ausdruck geben!
Ja, wir glauben es kaum, wir meinen, es sei ein Ulk: Wir werden heute abend abgelöst. Ein Bataillon von 220 löst uns ab. Piet (Gefreiter Peters) ist schon unterwegs, um den IG-Zug von 220 zu holen. Vor allem kann man in Ruhe einmal wieder Ordnung in seine Klamotten bringen. Ich kann meine Sachen suchen, muß zum Troß laufen und neue holen. Als ich in Kotly im Lazarett war, löste man ja meine Sachen auf. Wie die Raben fiel man über die Dinge her. Und um alles wieder in Schwung zu bringen, auch sich selber, dazu ist einmal Ruhe gut. Hoffentlich wird man nicht mit uns exerzieren und uns womöglich wie Rekruten behandeln. Man befürchtet die sogenannten Auflösungserscheinungen, wie sie im Weltkrieg stattfanden. So etwas soll von vornherein vermieden werden, vielleicht hat vom III. Bat. ja deshalb einer sein Bein verloren?