13. Oktober 1941

Und heute morgen begann unsere Reise zum Troß. In Dunkelheit und Kälte bewegte sich ein Haufen mit Russenprotzen und 2 Geschützen nach Rückwärts. Als der Morgen graute erkannte man die Gesichter. Ernst war die Stimmung. Die Uniformen durchaus überholungsbedürftig. Im Ganzen das Bild: Abgelöst.

Nun wurde uns auch das krasse Bild der Soldaten in rückwärtigen Stellungen klar. Man sah geputzt und gewienerte Koppel, Stiefel. Die Uniformen hatten den Typ von Ausgehuniformen. Die Soldaten in den rückwärtigen Stellungen hatten saubere Feldmützen auf, trugen am Koppel nur das Seitengewehr.

Hierbei kam einem doch zum Bewußtsein, daß es zweierlei Soldaten gibt, Einmal diejenigen, die für die Truppe ihre Aufmerksamkeit lenken sollen, die manchmal feindlichem Artilleriefeuer ausgesetzt sind, die aber in Großen und Ganzen ein friedliches Leben führen und den Krieg versuchen zu genießen. Warum auch nicht? Warum sollen die Leute es sich umsonst schlecht machen? Und zum Zweiten gibt es die Soldaten, die dauernd in der Gefahr schweben, beschossen zu werden, die nicht mit den Annehmlichkeiten des sauberen und reinen Lebens ausgerüstet sind, an die die größte Nervenprobe gestellt wird. Ohne Phrasen, es sind eben die eigentlichen Soldaten. Soldaten in der höchsten Erfüllung ihrer Pflicht!

Nachdem wir in einem Haus eingezogen waren, in dem die zweite Bedienung noch tüchtig zimmern mußte, um überhaupt einigermaßen Schutz vor dem kalten Wind zu haben, begrüßten wir Ltn. Alsen, der nun aus Neuss am Rhein aus dem Lazarett bei uns wieder gelandet war. So sah ich zu meiner Freude auch Reichardt.

Und nun die Krone des Tages: Heute wurde Ltn. Münstermann mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. Der I. Zug nahm es zur Kenntnis! (Kommentar überflüssig!!!)

Und nun noch ein Ereignis, das sich in der vergangenen Nacht (vor der Ablösung) abgespielt hat: Abends wurde ich plötzlich gerufen. Zum Leutnant sollte ich kommen, dieser saß bei Ltn. Mattias, 1. Komp., im Keller. Als ich mich meldete, gewann ich bereits den Eindruck, daß eine mehr oder minder feucht fröhliche Stimmung herrschte. "Dose", so bekam ich zu hören, "der Russe hat eben eine rote Leuchtkugel abgeschossen; wir werden deshalb schießen." Nach einigem Gerede wurde man sich dann einig, wohin die Granaten sollten. 62 Granaten sollten in der stockfinsteren Nacht dem Feind oder in dessen Gebiet gesetzt werden. Wiederum verging etwas Zeit, bis man das Mündungsfeuer sah, den dumpfen Abschuß hörte und sich der Beobachtung widmete. Das linke Geschütz von Uffz. Mauer, hatte wieder einmal sein alte Krankheit. Das Rohr ging nicht wieder von selbst nach vorne. Dadurch wurden nur 42 Granaten verschossen, was ich Ltn. Münstermann meldete. Dieser über die Schußzahl nicht zufrieden gestellt, befahl weitere 20 Granaten zu verschießen. Diese 20 Granaten gingen alle auf denselben Fleck, wie es befohlen wurde. Ein Melder aber raunte mir zu: "Die haben getrunken". Diesen Eindruck hatte nicht nur ich gewonnen, sondern das war nun schon Gespräch! Dann war das Schießen bei Nacht vorbei. Ein Zug von 220 zog am Morgen in die Stellung, aus der wir bei Nacht geschossen haben, wir wünschen denen nur, daß sie nicht vom Russen etwas auf den Sack bekommen, denn die Antwort bleibt er nicht schuldig.

14. Oktober 1941

Der erste Ruhetag wird zum Instandsetzen der Uniformen, der Wäsche und der Waffen angesetzt. Das zweite Geschütz ist zur Werkstattkompanie. Das erste Geschütz hat der II. Zug leihweise bekommen, der hat momentan ja nur eins, das ist nagelneu.

Aber der Winter hat mit Frost seinen Einzug gehalten. Eis ist schon auf sämtlichen stehenden Gewässern. Der Boden ist auch hart. Man beklagt sich auch über kalte Hände, Ohren und Füße. Wie mag es nur im Januar sein?

Wie ich erfuhr hat das I. Bataillon in der Stellung am Turm insgesamt 12 Tote und 84 Verwundete verloren. Da die ersten Tage sehr ruhig waren, kommen bei weitem die meisten Verluste durch die lebhafteren Tage. Vielleicht ersieht man ja aus den Zahlen, daß in der Stellung nicht mit jungen Mädchen geworfen wurde!

Uns erfreut allgemein das zügige Vordringen der deutschen Truppen im Mittel– und Südabschnitt der Ostfront. Nun scheint die Hauptkraft der Bolschewisten vernichtet zu sein. Wie soll man sich denn sonst auf einem Male das große Tempo erklären, das unsere Truppen wieder aufnehmen, während vorher mehr oder weniger kurz getreten wurde. Möge bald dieser Ostfeldzug siegreich beendet sein.

Jetzt beginnen für uns die Arbeitskommandos. So muß Heu gefahren werden. Torf wir eingebracht, man rüstet sich per Gewalt für den Winter. Aber, oh leider, am heutigen Abend ist die Landschaft erstmalig weiß von Schnee. Beim Torffahren sah ich Kinder schon auf dem Eis spielen. Ja, das ist ein gewaltiger Unterschied. War im August die Sonne doch brennend heiß, einem hing die Zunge aus dem Halse, man schwitzte und fluchte über die Hitze. Und jetzt? Einen Herbst sah ich nicht. Die Wälder zeigten nicht den goldenen Schmuck wie im herbstlichen Deutschland.

15. Oktober 1941

Heute morgen sah ich von der Artillerie zwei, die mit Skiern bewaffnet sich mit dem ersten Schnee befaßten. In unserem Hause, das wir mit dem Zugtrupp und der ersten Bedienung bewohnen, haben wir heute einen zackigen Ofen eingebaut. Das Rohr bauten wir durch das Dach, dabei war eine Pistole ein richtiges Werkzeug, denn mit ihrer Hilfe gelang es, schnell ein Loch ins Dach zu schießen. Man ist eifrigst bemüht, Betten und andere Möbel zu bauen.

Gegen abend duschten wir. Das war ein Hochgenuß. Die Duschanstalt würde in Deutschland allerdings polizeilich verboten sein, hier aber ist sie den Landsern ein sehr willkommenes Objekt. Frisch geduscht – gut gelaunt. Man sang fröhlich Schlager, ein Zeichen, daß die Landser sich freuten.

Hesing begann gestern sein 24. Lebensjahr und heute feiert Peters Geburtstag. Wir wünschen ihnen viel Glück für ihre neuen Lebensjahre.

Ltn. Münstermann nahm heute endgültig Abschied von unserem I. Zug. Allen, die anwesend waren, drückte er die Hand, während er sein neues EK I auf der Brust trug.

16. Oktober 1941

Am Morgen weckte und Kantfuss (?), in dem er rief: "Das Feuer ist in Brandt (?)." Tatsächlich brannte die Schreibstube vom II. Bataillon ab. Hoch schlugen die Flammen in den klaren Himmel der Schneelandschaft. Man stellte noch Brandwachen und begnügte sich damit, das Feuer auf den Brandherd zu beschränken.

Aber, oh Wunder, die Parole ging umher, daß unser alter Spieß wieder irgendwo gesehen worden sein soll. Tatsächlich war er wieder da. Außerdem kamen Drexhage und Schweinebart (?). Uffz. Karl Walter war auch wieder da. Nun, da Hauptfeldwebel Müller wieder da ist, nehmen wir an, daß wir ihn als Zugführer bekommen. Von Karl Walter nimmt man an, daß er RI im schweren Zug wird. Interessant ist zu verfolgen, wie man sich den "Albert" als Zugführer vorstellt. Einige meinen, er ist dann noch der, der brüllt: "20 Schritt nach links - Marsch, Marsch!" Andere urteilen, daß er als Zugführer genießbarer sein wird. Wir wollen es hoffen!

In unserem Quartier haben wir elektrisches Licht. Man hat an unseren Bulldog einen Generator angeschlossen. Durch einige Techniker und andere Umstände rast der Bulldog manchmal, während er größtenteils kriecht. Das Licht ist dementsprechend. An manchen Tagen ist das Licht als Licht zu bezeichnen. Aber heute beispielsweise "dunkelt" das Licht mehr, als es leuchtet. Gott sei Dank, können wir unser eigenes Licht leuchten lassen, leider ist das wiederum aus Paraffin und einem Docht. Damit hat man ja auch seine Schwierigkeiten, aber es erhellt ja wenigstens.

Zu unserer Freude gibt es heute nicht nur Kaffee, sondern Getränke, die C2 H5 OH enthalten, wer etwas von Chemie kennt, weiß was es ist, andere können es erraten. So wollen wir den morgigen Geburtstag von Günther Wenkel im Voraus feiern. Und nun wollen wir den Korkenzieher ergreifen und ....