17. Oktober 1941

Gestern abend war es noch sehr gemütlich. Gingen aber nicht später als sonst schlafen.

Und nun hörte man endgültig offiziell im Zuge, daß unser Zugführer der alte Spieß ist. Er soll bei Oberfeldwebel Köster sein, um sich einzuarbeiten.

Aber besonders ärgerlich für mich ist es, daß meine kleine Pistole abhanden gekommen ist. Weiß Gott, wo die geblieben ist. Vielleicht hat sie einen ordentlichen Liebhaber gefunden. (Anmerkung: Es handelte sich um die Pistole unseres Vaters, die er privat als Polizeimajor als Dienstwaffe besaß und unsere Mutter nach dem Tode des Vaters 1927 hütete.)

Günther Wenkel feiert heute seinen 20. Geburtstag. Wir alle gratulierten ihm. In einer Weise ein alter Mann oder Krieger und doch so ein junger Kerl.

Heute ist auch ein Teil ins Kino gegangen. Zuletzt sahen wir in Königsberg einen Film. Gerade ein netter Unterhaltungsfilm ist für den Landser eine besondere Freude. Wenn Marika Rökk oder Ilse Werner tanzen oder die junge Geliebte spielen, dann vergißt der Landser die Dinge, die ihn umgeben. Mit Freuden wird er sich an den Film erinnern.

18. Oktober 1941

Keine besonderen Ereignisse.

19. Oktober 1941

Heute ist Sonntag, die Natur hat ihr weißes Kleid erneuert. Der Himmel hängt trübe über Bäumen und Häusern. In der Nacht bumste es einige Male. Man meint, es seien Fliegerbomben, Einschläge oder Abschüsse. Somit sind alle Möglichkeiten erschöpft.

Inzwischen hat sich unser Quartier so verwandelt, daß sich der II. Zug hier fremd fühlen würde. Einige Zeit hauste man hier auf Heu, das auf dem Fußboden lag. Nägel dienten als Garderobe und die Öfen waren nicht in dem Zustand, daß man ein Brandversicherung hätte bitten können, das Haus zu versichern. Nun haben wir für jeden ein Bett, zwar dreistöckig wegen Raummangels, aber man fühlt sich behaglich in ihnen. Tische und Hocker machen die Behausung gemütlich, während schöne praktische Borde die Nägel ersetzen. Zwei Öfen sorgen feuersicher für die Wärme und für das gelingen der Bratkartoffeln, die man essen muß, um nicht unnötig Kohldampf zu schieben. Die tägliche Hauswache sorgt für Brennholz und Sauberkeit im Quartier. Da unser Bulldog–Elektrizitätswerk nicht den Bedürfnissen eines Großstädters entspricht, werden mit einiger Regelmäßigkeit von Hesing und anderen Kerzen gegossen, die neben Petroliumfunzeln für die Hauptbeleuchtung sorgen. An ihnen schreibt man Briefe, Tagebuch und man ‚rubelt‘ hier sogar mit. Rubeln, gestern bis spät in die Nacht hinein. Und draußen steht ein Gerüst, das gegen Regen und Wind geschützt, den Bedürfnissen der Verdauung entspricht. Für ein vollendet gemütliches wohnen fehlt allerdings die Wasserleitung im Hause; man muß etwas 70 m laufen, eine geeignete Waschangelegenheit für Leibwäsche und dergleichen und... ...na, was wünscht sich jeder Landser gern? Ein Radio! Mit seiner Hilfe kann man nicht nur die neuesten Nachrichten hören, sondern das kann die Voraussetzung zu mancher gemütlichen Stunde sein. Auf jeden Fall: Ob man eins oder keines hat, das ist ein Unterschied! Wie aber in Vielen, der Landser hilft sich. So hörte ich neulich einige über Bahnen sprechen. Wußte der eine von einer Bahnfahrt mit elektrischer Lokomotive zu berichten, so erzählte ein anderer von der Pariser U–Bahn. Man stellte Erwägungen, Möglichkeiten, Verbesserungen und anderes in das Gespräch. Aber der Casus cnusus war der, man hatte das Bedürfnis, sich einmal rege zu unterhalten. Andere wieder erzählen von ihren Erlebnissen in Hamburger Unterweltvierteln. Ein jeder nach seinem Geschmack. Viele aber auch vergegenwärtigen sich die Tage des Kampfes; man stellte fest, daß der Sonntag es der Division angetan hat. Immer ist es am Sonntag.

Am heutigen Sonntag überreichte Oberleutnant von Kempski Günther Wenkel das EK II. Wir alle gratulierten ihm, der es bestimmt verdient hat. Vielleicht schon vor vielen anderen. Eine große Freude konnte unser Günther aber nicht unterdrücken.

Heute am Sonntag bekamen viele auch eine neue Garnitur. Wie die Ersatztruppenleute laufen wir nun hier herum. Besser aber als mit zerrissenen Lumpen umherflitzen. Fragen tun wir uns nur, warum gerade jetzt die Neueinkleidung? Will man uns vielleicht doch hier herausziehen?

Aber unser neuer Zugführer, genannt "Prinz Albert", strahlt heute eine Güte aus, die man von ihm nur in den seltensten Fällen gewohnt ist. In den Erwartungen sind wir von ihm nicht enttäuscht. Hoffentlich ist unser Eindruck auf ihn auch ein guter. Den besten geben wir gerade nicht ab!

Heute, am Sonntag, ist auch wieder Kino. Voller Erwartung wollen wir jetzt hin und die gute Stimmung auf beste Qualität ändern.

Und eben komme ich vom Kino. Ich sah die Wochenschau. Sie sagte nichts von den seelischen Beanspruchungen der einzelnen, nichts von Tod und Elend, von Grausamkeiten und Opfer bringen, sie sagte aber eines: Die Größe des gewaltigen Kampfes im Osten. Vielleicht sagt sie das schon zu gut, zu groß. Man merkte: Hier kämpft man einen Kampf von der Größe, wie der deutsche General Ludendorff ihn voraussagte. Und dann kam der Hauptfilm: Venus vor Gericht. Es ist nicht am Platzte, hier über den Film zu sprechen. Als man sich zum Weg nach Hause machte, klang die Wirkung in einem nach. Glich es doch, wenn man irgendwo in der Heimat ein Kino verläßt und auf der Straße in der Dunkelheit den Heimweg antritt. Hat der Film einem doch die Gedanken des Alltags vergessen lassen, zugleich ist es nicht verkehrt, einen Film zu sehen, weil man vieles aus ihm lernen kann.

Auf dem Heimweg sprachen Günther Wenkel und ich von der Freiwilligenmeldung. Vielleicht versteht nicht jeder, daß man einen drei Kilometer langen Weg darüber sprechen kann. Aber jeder denkt anders darüber...

In der Ferne sah ich den Flimmer der Leuchtkugeln, der einen daran denken ließ, daß es nicht nur Kino gibt. Ein Ernst, eine Pflicht ruft...

Im Quartier angelangt, werde ich gleich bestürmt: "Dose, Du hast etwas für Dein Tagebuch." Vor einer Stunde sind hier einige Einschläge gewesen, so daß sogar einige Dreckklumpen auf unser Dach fielen. An sich unbedeutend, insofern aber erwähnenswert, weil man hier hinten einmal auch etwas für uns über hat.

20. Oktober 1941

Heute morgen konnte man die Wirkung der Granaten sehen. Das Kaliber der Granaten schätze ich auf mindestens 18 cm. Eine Granate hatte den Troßpferdestall mitgenommen. Es mußte extra ein Arbeitskommando abgestellt werden, um den Stall wieder aufzubauen. Aber weit interessanter ist der Einschlag einer Granate bei unserer Küche, dort wo Beschlagsmeister Mise (?) und Uffz. Tans (?) wohnen. Ein kleiner Anhänger schwebte durch die Luft genau in einen Schuppen hinein. Ein Lkw wurde hinten leicht angekratzt. Die Trichter waren aber denen von Fliegerbomben ähnlich.

Den Tag nutzten wir, um die Protzen, unser Gerät und unsere Klamotten auf ‚Draht‘ zu bringen. Heute abend sehen unsere Protzen ersatztruppenmäßig aus.

Der Bruder von Wilhelm Riebeling, einer unserer Fahrer, ist hier bei Leningrad bei Mondellwo (?) gefallen.