Der Vormittag stand heute im Zeichen der IG Ausbildung, Richtausbildung und Nachrichtenausbildung. Es tat auch wirklich einmal Not. Es sind viele Leute vom Ersatz gekommen, die nichts vom IG wissen. Hoffentlich klappt ein Schießen in Zukunft besser.
Leider hat sich Frostwetter in Matschwetter verwandelt. Dadurch sind die Straßen wieder ‚gebohnert‘. Es nieselt ebenfalls so leicht vom Himmel. Das ist einem zweifellos unangenehmer, als 2 – 3° Frost.
Beim Torffahren heute erzählte man mir, daß in Krenogrardeisk (?) einige Divisionen aus Frankreich kommend ausgeladen werden. Man sei schon einige Tage dabei. Bin gespannt, was man mit denen vorhat? Heute gibt es auch wieder Geld!
Als Aumann heute nach Hause kam, wußte er zu berichten, daß die 1. Division abgelöst sein soll. Wir sollen bald folgen und tatsächlich verladen werden. Das Gerücht schwirrt seit einiger Zeit ja hier schon herum. Ja, nett wäre es ja, wenn wir nach Frankreich kämen. Einige meinten schon, daß sie dort angelangt ihre Löhnung sofort in Likör, Bier, Sekt und Wein umsetzten wollten. Sie wollten trinken, um sich des Geistes zu berauben. Und dieses dürfte man verstehen, wenn man bedenkt, daß diese zukünftigen ‚Säufer‘ aus Rußland kommen. Man bedenke, was man entbehren mußte, allein an den sonst gewohnten alkoholischen Getränken.
Am letzten Sonntag deutete ich an, daß der Sonntag meist für unsere Division kein Sonntag ist. So will ich einige Beispiele unserer Sonntage nennen: War doch am Pfingstsonntag (1940) am Abend die Vorbereitung zum Angriff auf Ritzingen. Damals am Westwall. Aber am 9, Juni 1940 war der große Tag der Schlacht bei Beaumont (Belgien). Jeder Teilnehmer weiß, womit dieser Name verbunden ist. Verladungen, Märsche, große Übungen pflegten nur sonntags statt zu finden. So als Beispiel die Verladung in Verviers (Belgien) nach Sissonne (Frankreich). Aber nun vom Ostfeldzug. Begann dieser Krieg auch an einem Sonntag, jenen historischen 22. Juni 1941. Leutnant Klein fiel an einem Sonntag. Der Angriff auf Niso (?) war an einem Sonntag. Leutnant Alsen verließ an einem Sonntag die Truppe wegen seiner Verwundung. Oberfeldwebel Schröder fiel an einem Sonntag. Jener Soldat, der durch keinen zu ersetzen ist. Und an einem Sonntag griffen wir auch irgend ein namenloses Dorf vor Leningrad an. Jeder, der diese Sonntage und noch andere ungenannte Sonntage miterlebt hat, der weiß, daß diese Tage das meiste Blut forderten, die größte Nervenprobe an einen stellte, daß diese Tage mit dicken russischen ‚Sachen‘ versehen waren. Und wenn ein bedeutender Angriff ist, dann ist er bestimmt an einem Sonntag.
Heute nacht bedachten die Russen mit einigen Granaten wieder unser Revier hier hinten beim Troß. Es passierte nichts.
Man meutert momentan wieder einmal sehr über unsere Küche. Der Russe schlägt sich seinen Pansen voll, während andere des Morgens fasten müssen. In Deutschland darf nicht einmal ein Gefangener mit einem an einem Tisch sitzen. Hier schläft der Russe sogar mit in dem selben Zimmer. Das ist aber unser Eube (?), der Allgewaltige der Kompanie. Und wenn es auch mal Braten gibt oder sonstige Leckerbissen, genug Essen ist nicht immer da. Als die 1. Kompanie uns verpflegte wurden wir mehr als satt, nun aber ist das alte Lied des Kohldampfschiebens. Ja, immer das gleiche alte Lied.
Seit einigen Tagen hat sich bei uns im Haus ein kleiner Besucher eingefunden. "Wodka" nennen wir ihn, es ist ein junger Wolfshund, der gerne Spielobjekt ist. Zwar tritt man oft auf ihn herum, weil er überall und nirgends herum kreuzt, aber er fühlt sich dennoch bei uns zu Hause. Man hat für ich Wurstpellen und Speisereste über. Trotzdem ist er proppenfett. Das stubenreine Benehmen muß er allerdings noch lernen. Es kam schon vor, daß man von ihm Verlorenes unter einem Bett fand. So jung wie er ist, springen kann er wie ein alter. Momentan liegt es auf Günther Wenkels Bett. Natürlich hat er die Wolldecke als Unterlage gewählt. Behaglich knurrt er. Aber da ruft ihn schon einer. Er springt vom Bett und bekommt Wurstpelle. Er springt schon ordentlich hoch danach. Schnell hat er die Happen verschlungen. Nun sitzt er erwartungsvoll und wartet auf das nächste Stück. Als Landser hat man viel Freude gerade an jungen Tieren. Spielte RMR (Rittmeister Robert Miles Reincke, Kompaniechef in Frankreich) doch gerne mit "Bunker". Hauptfeldwebel Jüchter hat "Senta" zur Freundin. Fritz Ficken nahm "Antje" in seine Obhut. Jetzt erfreut uns "Wodka", der kleine russische Wolfshund.
Hier im Hause bei uns ist auch die Arrestzelle. Heute zog einer ein. Er soll irgendwie menschliche Gelüste an Russenweibern gestillt haben, so erzählt man wenigstens, ich war nicht dabei.
Man bemüht sich, die genaue Aufstellung unserer Zugausrüstung zu erfassen. Das ist ziemlich schwierig, weil man noch sämtliche Sachen einzeln suchen muß. Mir scheint das auch mehr eine theoretische Angelegenheit zu sein, als es überhaupt not tut.
Oberleutnant von Kempski war heute in seiner "vollen" Person hier erschienen. Hat sich aber schnell wieder verzogen. Schade, daß ich ihn nicht sprechen konnte, hätte ihm vieles sagen können!
Nachmittags hielt unser Prinz Albert Unterricht ab. Man war der Meinung, daß er nicht mit Kriegserfahrungen ausgerüstet ist wie andere. Aber alles soll gelernt sein.
Bei uns haben sich auch viele Ersatzleute einquartiert. Sie sollen eine Nacht bei uns logieren. Nun erzählt alles groß durcheinander. Der Ersatz kommt aus Hamburg. Das sagt alles.
Nachdem unser "Wodka" uns eine unruhige Nacht bereitete, unternahmen Oberfeldwebel Müller, Uffz. Kleinecke und ich eine Inspektionsreise zur "Kempski–Linie". Man wohnt dort nicht mehr in Bunkern oder Unterständen, sondern in Salons und Palästen. Diese Bauten übertrafen alles, was sich meinen Augen bisher bot. Wörtlich, Klavier und Geige fehlten nicht.
Aber eine traurige Kompanienachricht hörten wir heute. Unser geliebter Oberleutnant von Kempski soll uns verlassen. Er hat das Glück zur Division als Adjutant von Major Kaulbach zu kommen. Für ihn bedeutet das für die Zukunft sehr viel.
Die Kompanie soll sage und schreibe Ltn. Münstermann übernehmen. Vorläufig sieht man auf allgemeinem Gebiet schwarz. Hoffen wir im Gegenteil das Beste.
Man spricht davon, daß Leningrad nicht angegriffen werden soll. Krankheiten sollen dort schon um sich greifen.
In Oranienbaum soll die Pest ausgebrochen sein. Alle, die den deutschen Linien zustreben, werden wegen Krankheitsübertragungen abgeknallt.