25. Oktober 1941

Man bemüht sich nun auch uns in Bunkern unter zu bringen. Es ist ja Divisionsbefehl, daß alles wegen Brandgefahr und Artilleriebeschuß in Bunkern unterkommen soll. Und durch diesen Umstand war heute eine Streiterei mit dem Hauptfeldwebel der 7. Kompanie. Schließlich gaben wir klein bei, denn der Klügere gibt nach und das wollen wir sein!

Heute zur Mittagszeit ließ eine gewaltige Detonation unser Haus erschüttern. Bürsten, Becher und andere Gegenstände fielen von den Borden. Im Nebenraum wurde die vor die Fenster genagelten Sperrholzplatten eingedrückt. Und als wir aus dem Haus stürzten, bot sich uns ein Bild, das vielleicht einmalig sich uns in unserem Leben bietet. In größer Höhe schwebten in der Luft Klumpen, wie wir erst annahmen. Langsam kamen diese Dinger tiefer, und da stellte wir fest, daß ein Heuregen einsetzte. Wir gingen wieder in unser Haus, um gegen diesen Segen geschützt zu sein. Als wir es wieder verließen, sah man im Qualm der Explosion Schuppen und Baracken nur schwach. Nachdem die Luft wieder klar war, war unsere Gegend mit einem grau–grün–gelben Teppich überzogen, der sich über Dächer, Straßen, Schnee, Lkws und Bäume erstreckte. Somit war hier alles farbenmäßig einheitlich getarnt.

Zunächst nahmen wir an, daß es sich um Artilleriebeschuß handelte, kamen aber bald zu anderer Überzeugung. Es hatte sich ein tragischer Unglücksfall ereignet. Pioniere, die mit Minen hantierten, um neue Legearten auszuprobieren, hatten Unglück gehabt, wobei die Minen hoch gingen und weiter das Munitionslager der Pioniere, insgesamt etwa 1000 kg Sprengstoff. Am Ort selber wurden 5 Mann getötet. 20 Pferde mußten erschossen werden. Das Dach des betreffenden Pferdestalls rutschte eine Etage tiefer und bedeckte die Pferdeleiber, die mit ihren Beinen durch das Schindelwerk des Daches ragten. Man wühlte und zerrte Menschen und Pferde unter diesem Bretter– und Ballengewirr heraus. Bedauern muß man aber die 5 Pioniere, die ihr Leben vielleicht durch eigenes Verschulden verloren.

Für uns hatte dieses tragische Unglück den Vorteil, daß die toten Pferde uns Gelegenheit gaben, einmal wieder echtes Roßbeef zu essen. Am Abend schmeckte uns das frugale Mahl ausgezeichnet und außerdem war es eine willkommene Ergänzung unserer Verpflegung. Persönlich habe ich erstmalig bewußt Pferdefleisch gegessen. Ich muß ehrlich sagen, daß mir diese Hottehüh außerordentlich gut schmeckte. Etwas zäh war es ja. Das gehört aber jetzt zum Krieg.

Groß war auch unsere Freude, als wir einen ausführlichen Bericht unserer 58. ID in einer Beilage der "Front" vorfanden. Man vergißt in ihm nicht die Toten unseres Regiments zu würdigen. Damit verbunden ist unser Beitrag zu den Kämpfen. Besonders denken wir dabei an die Gefechte ostwärts des Peipussees in Richtung Narwa. Wir denken an Niso. Vor allen denken wir aber an die vier Wochen Stellungskrieg an der Narwa und Pjussa. Nie werden wir den Übergang über die Pjussa am 14. August vergessen, als wir die "schönste" Wasserfahrt unseres Lebens machten. Schlugen doch die Granaten der Sowjets dicht bei uns ein. Und endlich zogen und zerrten wir unser Geschütz bis in die Stellung des uns sehr bekannten "Nordigels". Vier Tage lösten "Alarm", "erhöhte Gefechtsbereitschaft", "höchste Alarmbereitschaft" und andere Zustände einander ab. Mich persönlich formte diese erst zum Soldaten in seiner höchsten Pflichterfüllung. Vielleicht gingen es anderen gleich.

Weiter finden wir in dem Bericht die Kämpfe um die Bunker an de estnisch–sowjetischen Grenze. Lebhaft erinnern wir uns an diese Tage. Wir denken beim Lesen dieser Zeilen auch an den Galopp durch das gezielte Artilleriefeuer auf der Rollbahn Narwa–Kingissepp. Auch erinnern wir uns an Kingissepp und seine Tage. Jeder weiß Bescheid. Vielleicht kann ein späterer Besucher dieser Gegend sich einmal ein Bild der Kämpfe von Narwa bis Kingissepp machen, wenn er rechts und links der Straße jene Hügel sieht, an deren Kopfende ein schlichtes Holzkreuz und ein Stahlhelm stehen. Und wenn man bedenkt, daß diese einst unsere Kameraden waren, dann wird man unsere Leistungen auch anerkennen, vielleicht mehr anerkennen, als man es bisher tat. Nur der kann besser wissen, was Kampf heißt, der selber in den Reihen stand, die einmal gegen den Feind anrannten. Und so wollen wir hier an dieser Stelle jener Kameraden gedenken, denen es nicht mehr vergönnt ist, in unseren Reihen zu stehen und damit am Leben zu sein! (Der Bericht der Frontzeitung lag dem Manuskript bei.)

26. Oktober 1941

Mit 20 Melusen (?) (Kriegsgefangenen) begannen wir heute mit dem Bau von unseren Bunkern. Eifrig sind wir bemüht, unsere Wohnpaläste zu errichten.

Bunkerbau                                                          Eisenbahn in Betrieb

Gegen mittag fuhr hier der erste deutsche Zug vorbei. Eine deutsche Lokomotive mit einigen Güterwagen fuhr in gemächlichen Tempo über die umgenagelten Schienen. Landser, die dieses erstmaliges Bild sehen, begannen ein Freudengehäul. Genau verfolgte man den Zug. Und als ein Bahnübergang zu überqueren war, hörte man den Pfiff der Lokomotive. Erneut brüllten die Landser und ihre Gedanken wanderten zu den Zügen, die man seit langem erwartet. Man sprach auch:

"Achtung, Achtung, bitte zurücktreten, der Fronturlauberzug Petersburg – Hamburg wird sofort in den Bahnsteig einrollen!"

Ruhepause, in der Mitte Gefr. Wolf Dose

Der heutige Sonntag war wieder selbstredenderweise ein Alltag. Die Schanzarbeiten standen im Vordergrund dieses Tages. Gleichzeitig wird Holz gefahren, wobei sich eine köstliches Geschichtchen entwickelte. Zwei mit Bauholz beladene Wagen rollten des Weges dahin. Die Fahrer wußten nicht wohin mit ihrer Last. Deshalb fragten sie. Sie fragten nun aber gerade einen von uns. Der kurz entschlossen, lenke die Wagen zu unserer Baustelle. Schnell hatten Gefangene die Wagen entladen. Ohne Knurren und Murren zogen die Fahrzeuge auch wieder fort. So etwas von Dummheit muß ja bestraft werden. nun sind wir darauf gefaßt, daß man uns das Holz wieder fort holt.

27. Oktober 1941

Eifrig schanzten wir heute wie schon gestern. – Sonst keine besonderen Ereignisse.

28. Oktober 1941

Gestern abend brannte ein langer Schuppen ab. Munition, mehrere Maschinengewehre, Pferde und viel, viel Verpflegung brannte auf. Zivilisten, Kriegsgefangene und Landser wühlten in den Reliquien. Man stelle sich nur einmal vor, daß die Gefangenen von den verbrannten Pferden Därme, Fleischfetzen und Fellstücke nahmen und in ihren Beuteln mitnahmen. Ist das nun übergroßer Hunger oder gleicht dieser Mensch Schakalen?

Unsere Küche wäre um ein Haar auch abgebrannt. Unter einem Fußboden schlugen bereits die Flammen. Rechtzeitig sah Hilgers das Feuer. Gottlob konnte man die Feuersbrunst überwältigen, bevor Unheil angerichtet wurde.

Das Schanzen bei unseren Bunkern fand heute bei erstmaliger größerer Kälte statt. Stärkerer Wind und Schnee machten es verdammt kalt. Ich schätze es auf 15° Kälte. Die Winterbekleidung tat uns gute Dienste.