29. Oktober 1941

Mittlerweile gab die "Front" – Zeitung einen ähnlichen Bericht über Kingissepp wie in den letzten Tagen über Narwa. (Auch dieser Bericht lag dem Manuskript bei. Die am Anfang gezeigte Karte stammt aus diesem Bericht.)

Heute war ich mit nach Urisk, um für unseren Bunker das nötige Inventar zu besorgen. Tische, Stühle, Spiegel, Ofenrohre, Herdplatten, Kleiderbügel, Scharniere, Türgriffe, Schrauben, Sägen, eine spanische Wand, ein Bild und Kochpötte und Bratpfannen ragten aus dem Wagen empor. Morgens um 5.oo begann unsere Expedition bei Eis und Schnee. Es war verdammt kalt. Aber am Nachmittag waren wir wieder zu Hause.

Ein paar Flieger behinderten zwar unsere Fahrt nicht, aber die Ruhe der Fahrt wurde durch Ratas und andere Flieger gestört.

Aber wenn man sieht, wie die Russen in den Bauten hausen, dann kann einem ekelig werden. Ich glaube, daß es nicht nötig ist, zu schreiben, wie es aussieht, das schreiben andere genug. Man kann aber auch riechen, wo Leute wohnen oder nicht. In Paris roch es nach Parfums und anderen wohlriechenden Dingen, aber hier stinkt es unbeschreibbar. In Deutschland ist jeder Stall angenehmer im Geruch als hier eine "Wohnung".

30. Oktober 1941

Gestern kam unser alter Waffenmeistergehilfe wieder. Auf der Höhe 92,6 vor Kotly, wo Major Schwarting fiel, war Bartels an Ruhr schwer erkrankt. Er kam ins Lazarett und landete schließlich in der Gegend von Narwa in einem Genesungsheim, wo ihn estnische Schwestern umtäschelten. Nach einigen Rückfällen und mit noch nicht vollständig gesunden Eingeweiden kam Ernst Bartels gestern wieder. Man begrüßte ihn freundlich. Schließlich ist ein Wiedersehen fast immer eine Freude. Nun ist er erst einmal zum II. Zug, um dort die Waffenmeisterdienste zu tun.

Die Nächte werden jetzt immer kälter. Das Wasser ist jetzt schon an vielen Stellen trotz Mistumkleidung in den Leitungen dicht gefroren. Am Morgen stehen hier schon ohne UvD–Wecker welche auf, nur um Feuer im Ofen zu machen. Es wird höchste Zeit, daß unsere Bunker fertig werden.

Nachmittags beim Schanzen griffen Ratas und andere Flieger die Straßengabelung Narwa – Petersburg – Peterhof an. Interessant war die Beobachtung. Nachdem ein paar Bomben fielen, schossen sie mit Bordwaffen. Unsere Jäger kamen natürlich dann, als die Ratas längst verschwunden waren.

Vorläufig bleibt Oberleutnant von Kempski noch Kompaniechef bis man ihn eben abruft. Ltn. Münstermann steht bereit, sofort die Kompanie zu übernehmen.

Heute Nachmittag vollbrachten wir den Höhepunkt beim Bau unseres Bunkers. Ein riesiges Ungetüm von Stein wälzten und asteten wir aus der Tiefe des Bunkers bis auf die Erdoberfläche. Stangen, Balken und die Muskelkraft, insbesondere von Günther Wenkel, waren die Grundlagen dieser Tat.

31. Oktober 1941

In unserem Haus sind außer den mäuslichen Haustieren jetzt auch Ratten eingezogen. Brot und Verpflegung muß deswegen in die Kartuschenkisten gelegt werden. Gestern abend stellte man wieder Läuse fest. Somit ist der zoologische Garten bis auf Flöhe und Wanzen vollständig vertreten. Der Köter "Wodka", der uns hier einige Tage durch seine Anwesenheit beehrte, ist jetzt verschwunden. Somit liegen unter unseren Betten keine Hundehaufen mehr!

Heute Mittag gab es Gulasch. Ein paar Stückchen Fleisch und einige Kartoffeln schwammen in sehr viel Tunke, die mindestens aus 95 % Wasser bestand. Beim Nachholen wurde man abgeblitzt. 11 Pioniere wurden mit verpflegt. Es dürfte klar sein, daß man bei dieser Kälte und der Arbeit satt zu essen haben muß. Es ist merkwürdig, daß in unserer Kompanie das trotz zweier Feldküchen bis jetzt noch nicht durchgeführt wurde. Häufig schiebt man Kohldampf, mit dem Brot kommt man auch nicht aus. Dieses Bild ist aber für unsere Küche bezeichnend. Gestern abend gab es warme Verpflegung, außer einigen Kartoffeln und etwas Grünem bestand das Essen nur aus heißem Wasser. Allerdings war der Tee mit Wodka sehr schön.

Und nachdem wir den letzten großen Stein schon aus der Tiefe des Bunkers hatten, stürzte die eine Seite ein. Durch den Frost entstanden Risse, die den Erdrutsch verursachten. Völlig demoralisiert nahmen wir die weitere Arbeit auf. Schon wollten wir das Innengerüst einsetzen, den Ofen einmauern, als das Unglück geschah.

Günther Wenkel sind heute seine Handschuhe von einem Russen gestohlen worden. Auch darüber war er sichtlich vergrellt, was man verstehen kann. Morgen früh will er nun mit zum Gefangenenlager und den Betreffenden aus der Masse suchen. Hoffentlich findet er den Lumpen. Mit einer Fahrerepeitsche will er ihn bearbeiten. Das wird diesem faulen Hund, der vor Dreck strotzte, einmal gut tun.

Sonst hatten wir heute zwei Russen zum Arbeiten, die etwas intelligenter aussahen. Sie waren zum Unterschied gegen die anderen sauber und rasiert. Auch ihr Zeug war augenscheinlich rein. Diese beiden gaben noch Zeichen des Dankes über das Mittagessen von sich. Auch verabschiedeten sie sich militärisch und damit anständig.

Trotz des Schneefalls ist die Temperatur heute höher als an den Vortagen. Das ist vor allem beim Arbeiten draußen angenehmer.

Post hat es nun bereits zum zweiten Male nicht gegeben; das ist nicht sehr erfreulich. Zum Ausgleich wird jetzt tüchtig mit den Karten gekloppt.

Windisch ist heute zum Waffenmeisterlehrgang kommandiert, während Leper (?) wieder hier eintraf. Er war einige Wochen beim Divisionswaffenmeisterzug zur Ausbildung am IG.

Heute gab es zur Verpflegung Wodka. Deshalb ist die Stimmung heute enorm. Man hört aus den Landserkehlen die Schlager, die man im letzten Winter in Belgien hörte, Lieder, die Soldaten erfreuen, kurz eben, Gesänge, die durch russischen Wodka ausgelöst werden. Die Karten heben die Stimmung zusätzlich. Momentan höre ich: "Auf der Reperbahn nachts um halb eins..." Man singt und trinkt und mischt die Karten im Volke der "Eden". Der eine heißt nur "Ede", ein anderer nennt sich "Kaschubenede", ein dritter hört auf "Maluseede". Es läßt sich denken, daß man in solch einem Haufen Stimmung vorfindet.