Ohne besondere Vorkommnisse
Uffz. Walter, der O.A. soll jetzt vom IV. zum II. Zug als R.I. kommen und Martin Fengewisch kommt in unseren Zug. Das sind die neuesten Nachrichten. Außerdem gab es heute die zweite Spritze gegen Cholera, 1 cm³
Heute hatte ich einen Gefangenen beobachtet, der vielleicht einer ist von den Hunderten, die dem Tode geweiht sind.
Er sollte erst Holz sägen, war aber zu schlapp, und Erde auf einen Bunker werfen konnte er auch nicht. Da wurde er mit Fußtritten gewaltsam auf das nötige Tempo gebracht. Jedoch er fiel um. Im Schnee bei über 20° Kälte lag er und erholte sich etwas. Er konnte in einen Bunker gehen und strebte dem Warmen, dem Ofen entgegen. Vielleicht war er so durchgefroren, daß er reichlich übermütig die Richtung auf den Ofen einschlug. Jedenfalls fiel er über den Ofen und blieb auf ihm liegen. Eine Hand verbrannte er dabei vollständig. Man zerrte ihn vom Ofen und legte ihn im Bunker auf den Boden. Sein Kopf lag auf ein paar Stückchen Holz. Seine verbrannte Hand wurde in einen Verband gehüllt. Aber man hörte das leise Stöhnen von ihm. Nur ganz langsam sah man ihn atmen. Sonst regte er sich nicht. Inzwischen aber kam die Zeit, da die Gefangenen wieder ins Lager sollten. Man zerrte ihn aus dem Bunker. Dabei aber, durch die plötzliche Bewegung wohl bedingt, leerte er den Inhalt seiner Därme in seine Hose hinein. Unglücklicherweise streifte die Hose durch das Herauszerren tiefer als man sonst zu tragen pflegt. Sein Unterleib, der wahrlich mager war, lag in Blut und Kot in Plünnen und Tüchern seiner Leibwäsche. Und wenn man sonst von Sterbenden zu sagen pflegt, daß deren Augen noch bis zuletzt den Ausdruck des Lebens zeigen, so war dieser, nach seinem Blick zu urteilen, schon längst nicht mehr auf dieser Welt. Blind starrten seine Augen ins Leere. Und in seinem Gesicht erkannte man den Schimmer einer blau–grünen Farbe. Längst war er dem Tode geweiht, nun aber starb er. Andere Russen, von deutschen Landsern gezwungen, nahmen den noch atmenden Leichnam und trugen ihn in seinem Mantel zum Lager. Eine Spritze wird ihn wohl zu einem baldigen, vollständigen Ende verholfen haben.
Aber beim Lesen dieser Zeilen soll man sich immer vor Augen führen, daß in dem großen Krieg (1914–1918) in Sibirien über 200.000 deutsche Soldaten starben. Vielleicht noch viel leidensvollor, viel qualvoller, als dieser eine Russe, der aber auch nur einer von vielen ist.
Rußland, ein Land voller Grausamkeiten will auch grausam behandelt sein.
Als ich heute morgen meinen UvD–Gang beendet hatte und an einer Stube vorbei kam, auf der ein Radio spielte, da blieb ich stehen. Die Tanzmusik nach deutscher Art, gewann mich bald ganz. Vergessen waren die Sorgen des Alltags, vergessen war der Krieg und im Träume sah man Bilder der Vergangenheit, Bilder der Zukunft folgten bald. Man war im Kreise seiner Anverwandten, man war glücklich, man hatte keine Entbehrungen mehr zu ertragen, kurz, man war im tiefsten Frieden. Gerade übertönte das Saxophon die übrigen Instrumente, da war in den tiefsten Frieden jene Milde eingetreten, die man früher einmal haßte. Nun aber setzten die Geigen wieder stärker ein. Der Traum wurde lebhafter und plötzlich dachte man wieder an das Bittere, das der Krieg nun einmal mit sich bringt, man dachte wieder an die Pflicht. Und während ich weiterschritt und die Musik allmählich leiser wurde bis sie ganz verstummte, da hörte man wieder jenes ferne Grollen der Geschütze, das einem augenblicklich vertrauter ist, als es die Wirklichkeit des Traumes wäre.....
Martin Fengewisch, Klintwerth (?), Rüschmann und Miksch haben sich nun hier eingefunden. Günther Wenkel und Hilgers sind bereits fort zu ihren neuen Zügen. Eisenschenk, der Mann, der kein Ruhmesblatt ist, sitzt erst noch seinen fünf Tagen verschärften Arrest ab. Ich spiele wieder R II, nachdem ich ein Vierteljahr den Posten als R I ausfüllte und wie annehme, auch erfüllt habe.
Peters hat jetzt –man kann ruhig sagen– einen Fimmel. Mit Eisparpulver und rote Rübensuppe, Puddings, Mehl und anderen Dingen "Dr. Oetkert" er sich manches zusammen. Aber dennoch liefert er nur Delikatessen.