16. bis 19. Dezember 1941

Jetzt sollen wir mit Gewalt unsere neue Feuerstellung beziehen, unsere neue B–Stelle aufsuchen. Aber Feldwebel Müller setzt ordentlich Druck dahinter. Die Stellung hier bleibt Stellung und das Auge wendet sich bereits einige hundert Meter südlicher, um gleich mit den nötigen Grundlagen in den neuen Raum einzurücken.

Aber am Abend des 19. XII. bleibt das nach. Der II.Zug muß Stellungswechsel zu 209 machen, weil die 13./209 zu dem Skibataillon gekommen ist. So muß jetzt von 220 und 154 je ein IG–Zug und der KG–Zug zu 209, um die Artillerie des kleinen Mannes dort zu ersetzen.

Heue Morgen hatte ich ein grausiges Erlebnis. Es ging mir besonders nahe. In den Tagen des Angriffs empfand man das Sterben eines Landsers nicht so wie jetzt. Ja, der Tod ist doch etwas Anderes, etwas Besonderes, je etwas Großes. Ich sah heute einen Landser sterben. Es ging mir sehr nahe, ich war matschig, ich muß es ehrlich gestehen.

Und unser Leben in unserem Bunker geht ganz gemütlich. Weihnachten steht vor der Tür. Man rüstet sich dazu. Martin Fengewisch bringt ab und wann einmal Baumschmuck mit, und unser Tiegde hat auch dazu schon vorgesorgt.

Bei Schlüsselburg, das in unserer Hand ist, sind 2 russische Divisionen durchgebrochen. Man will ihrer habhaft werden. Auch soll lebhafte Einzel– und Kolonnenverkehr auf dem Ladogasee sein. Und hier soll der Russe auch wieder angreifen.

Stellung im Dezember 1941 vor Leningrad

24. Dezember 1941

Am Abend vor Heiligen Abend sitze ich auf unserem Sofa im Bunker und schreibe das Tagebuch. Einen Kopfhörer habe ich um und höre irgendwelche Weisen, die an mein Ohr dringen. Jetzt will ich aber die letzten Tage nachholen.

"Zur Wolfsschlucht", rechts: Gefreiter Wolf Dose

Vorgestern und gestern war tüchtiges Tauwetter. Es war ordentlich matschig. Steifer Westwind brachte die Schnee– und Eismengen zum Tauen. Aber heute Morgen brachte ein Nordwest wieder Frost. So waren heute abend schon wieder –10° C.

Unsere B–Stelle ist jetzt im Beobachtungsstand der Artillerie. Wir wollen uns das mit der Zeit noch häuslicher einrichten, so mit Ofen und dergleichen. Von dieser B–Stelle machte ich gestern einige Aufnahmen durch das Scherenfernrohr. Hoffentlich sind die Aufnahmen einigermaßen scharf geworden. So fotografierte ich den Turm der alten "Lützow" (Vormals Panzerschiff Deutschland), die Kirowwerke und die Mole mit Kränen usw. (Anmerkung: Die Bilder sind teils gut geworden, wie die Aufnahmen zeigen.)

Unser Bunker ist jetzt ein Schalthaus geworden. Ein gewöhnlicher Sterblicher sagt schon, daß er dort gar nicht mehr dazwischen durch findet. Jetzt haben Tiegde und ich Radio von III. Bataillon hergelegt. Das Hören erfolgt mit Kopfhörern, zwar etwas primitiv, aber besser als überhaupt nicht.

Gerade dringt ein Tango an mein Ohr, zwar aus weiter Ferne. Ach, das weiß keiner zu schätzen, was einem so etwas Musik gleich bedeutet. Das Herz geht ordentlich auf. Und beim "Stern von Rio" heben und senken sich die Fußspitzen. Ja, Musik ist eben ein Genuß, zumal wenn man ihn lange Zeit entbehren mußte.

Aufnahmen vom 22. Dezember 1941 durch das Scherenfernrohr.

Kirowwerk Straßenbahn und Turm der "Lützow" Mole mit Kranen

Heute mußte ich mich gezwungenermaßen sogar in einen vollgeschneiten Graben hinlegen, weil so ein blöder Panzer schoß. Der setzte sein Schüsse genau über das Schulgebäude, in dem unsere B–Stelle ist, hinweg. Später lagen die Schüsse genau oben im Dach. Aber angenehm war es dort im Schnee bestimmt nicht.

26. Dezember 1941

Nun ist der zweite Weihnachtstag bald vorbei, da ich will ich nun beschreiben, was Kriegsweihnachten 1941 uns brachte.

Am Heilig Abend versammelten wir uns in der Feuerstellung, wo wir gemeinsam das Weihnachtsfest feierten. In dem Gemeinschaftsbunker, den Neuhoff und Heinz zu dem Zweck herrichteten, war die Bescherung. Ein Tannenbau, aufs Beste geschmückt, warf das Licht seiner Kerzen in den Bunker, Tannengrün und eine Hakenkreuzfahne schmückten den Raum. Im offenen Karree standen die Tische, gedeckt mit Dingen, die man uns bescherte. Und während wir drinnen Weihnachtslieder sangen und uns freuten über die Sachen vom Weihnachtsmann, da hörte man von draußen das Rattern der Maschinengewehre, und weiter vom Süden drang das Grollen der Front. Jenes Grollen, das uns von Berichten des ersten großen Weltkrieges bekannt ist. Dort feierte man Weihnachten auf kriegerische Art.

Aber was gab es dann alles? Unser Spieß hat gut für uns gesorgt. ½ Pfund Butter, Zigaretten, Keks, "Berliner", Honigkuchen, Butterkuchen, Bonbons, Drops und mancherlei anderes Genabber. Auch die Letten und Esten erfreuten uns zu Weihnachten. Sie schickten uns Handschuhe, Socken und andere Wollsachen. Weiter wurden durch das "schwarze Schaf" Beförderungen bekannt gegeben. Peters, Hesing und ich wurden Obergefreiter. Und weiter wurden einige Gefreiter, Oberschütze oder Obergefreite. Alkohol fehlte an den Abend, was die Weihnachtsstimmung erhielt.
 
 

Bunkerbesatzung, Dezember 1941, 2. von links Gefreiter Wolf Dose
 
 

Kriegsweihnachten 1941 vor Leningrad Obergefreiter Wolf Dose

Und am ersten Feiertag fotografierte ich einige Brustbilder und Ganzstatuen. Heute ist nun auch dieses Fest vorbei, jetzt freut man sich schon auf Sylvester und Neujahr!

29. Dezember 1941

Inzwischen ist Hein Südbeck bei uns eingetrudelt. Er soll den Posten "Melder zu Fuß" haben. Piet ist dafür Richtschütze geworden, den Rodenberg ja früher ausfüllte. Südbeck fühlt sich weder wohl noch schlecht bei uns, er ging bis jetzt noch nicht auf, er ist ja auch vielleicht ziemlich verschlossen.

Gestern stieg auch unser "alkoholisches Weihnachtsfest". Man war aber mehr oder weniger enttäuscht darüber. Den Punsch machte Neuhoff im Zinkkessel, der natürlich den Geschmack beeinträchtigte, so daß einem direkt übel wurde. Die Stimmung war sonst mäßig.

Und weiter hörte ich, daß südlich Krivowo (?) eine ganze Division vom Russen aus den Stellungen geworfen woren ist. Eine Panzerregiment ist im Anrollen, um den Gegenangriff zu machen. Tichwin ist ebenfalls geräumt worden von deutschen Truppen, jetzt hat er da auch wieder Bahnverbindung, das ist peinlich aber wahr.

Tiegde ist heute zum Zahnarzt, viel Spaß für ihn, er jammerte schon vorher schon tüchtig. Rö-mann ist momentan im Erholungsheim. Sonst nichts von Bedeutung.

03. Januar 1942

Der Silvesterabend verlief ruhig ohne viel Alkohol. Um 23:00 Uhr knallte der Russe mit seinen schweren Waffen. Er ist dann wohl in des neue Jahr gegangen. Aber um 24:00 Uhr knallten unsere Waffen tüchtig. Es war direkt Angriffsmusik. Der 1. Januar war auch gleichzeitig der kälteste Tag, den wir bis jetzt erlebten, –36° C.

Pro Mann eine halber Flasche Sekt ließ am Abend eine gemütliche Stimmung aufkommen. Ebenfalls beschossen wir in der Nacht bei Mondschein 2 russische MGs, während wir am Neujahrstage einen leichten Sowjetgranatwerfer bekämpften.

Heute kam Bischoff zum Erholungsheim, Sonst ist nichts passiert.

Anmerkungen
Hiermit enden die Tagebuchaufzeichnungen. Als nächstes ist der Bericht über die Kämpfe vom 22. bis 24. März 1942 vorhanden. Siehe nächste Datei!