Gefechtsbericht vom 22. Bis 24. März 1942
(Bei Teremez Kurljandskij)

Am Abend des 22. März geht der I. Zug, dem Kradschützenbataillon 30 unterstellt,2 km nördlich von Teremez Kurljandskij mit der Front nach Osten in Stellung. Durch versprengte Russen, die sich noch in den Wäldern aufhalten, wird der Gefr. Andreas Andersen schwer verwundet. Der späte Abend und die Nacht dient zum Munitionsschleppen, das Schlafen ist in der Kälte doch nicht angenehm. Bald sind außer 36 Schuß 38er Munition etwa 120 Schuß 18er Granaten in der Feuerstellung. Die Fahrer bringen den Bedienungen Essen und Decken zum Schlafen.

Bald graut der Morgen des 23. März, dem 3. Frühlingstage. Keiner weiß, was dieser Tag dem Zug bedeuten wird. Mancher ahnt es vielleicht!

Gar nicht lange dauert es, bis die russische Wundertüte oder die Stalinorgel anfängt, einen Spektakel zu fabrizieren. Dazu liegen hinter der Feuerstellung im Walde die Einschläge einer schweren Sowjetbatterie. Russische Granatwerfer mischen sich in die Musik ein.

Der Russe greift an. Die deutsche Abwehr soll einsetzen, aber zum Unglück hat der Artilleriebeobachter keine Verbindung, zum Unglück haben die Granatwerfer nur einige Granaten bei sich, zum Unglück ist nur wenig Munition an den Maschinengewehren. Der Russe kommt mit ein paar schweren Panzern. Die russische Infanterie wird abgewehrt. Da Oberfeldwebel Müller zufälligerweise gerade zum Waschen und Rasieren zu den Fahrern ist, schießt Ogefr. Dose etwas 70 bis 80 Granaten auf den Waldrand, aus dem der Russe kommt. Es gelingt, Baumkrepierer zu erzielen, deren Wirkung gleich den Abprallern ist.

Aber schon ist Oberfeldwebel Müller auf der B–Stelle. Sämtliche Bedienungsmannschaften sind bei den Geschützen, als sowjetische Panzer die deutschen Infanteristen vor sich hertreiben. Allein steht nun der I. Zug den Panzern gegenüber. Fast gleichzeitig eröffnen die Geschütze von Uffz. Fengewisch und Ogefr. Aumann das Feuer auf einen Panzer. Buschwerk beungünstigt das Schießen, so kann nur geschossen werden, wenn der Panzer auf freiem Schußfeld steht. Es gelingt dem Geschütz von Uffz. Fengewisch nach 2 Schüssen, die über den Panzer weg gehen, einen Treffer mit der IG 38 zu erzielen. Der Schuß bleibt ohne Wirkung. Da verschwindet der Panzer wieder im Buschwerk. Und Aumann Geschütz hat Glück, einen zweiten schweren Panzer so zu treffen, daß das Ungetüm angeschlagen zurück fährt.

Aber der erste Panzer wühlt bereits hinter der Feuerstellung herum. Ogefr. Müller geht mit Aumann Geschütz hinter dem Panzer her. Das Ungetüm knallt wird um sich herum. MG–Garben zischen auf den Panzer, ab und wann von Kanonengranaten unterbrochen. Dem Geschütz von Aumann gelingt es, dank seiner Bedienung, Treffer auf dem Panzer zu erzielen. Die Wirkung ist aber gleich Null. Durch Buschwerk nimmt das Ungetüm nun Kurs auf die Feuerstellung, in der es Munition, Koppelzeug und viele andere Gegenstände platt wie Briefmarken drückt. Jürgens und Tiefenbach setzten dem Panzer mehrere Treffer vorne auf die Platten. 20 m ist der Koloß noch entfernt. Im Rundblickfernrohr kann Jürgens ihn schon greifen. Zum Glück hat er seine Kanone vom eigenen Geschütz abgewendet, aber ungestört rast der Panzer weiter. Die Munition ist leider alle, sonst käme noch ein Schuß auf den Panzer. Wütend brummt der Motor auf, als der Panzer das Geschütz knacken will. Es läuft (rollt) vor dem Panzer her, aber bald findet der Sporen doch einen Widerstand. Da bricht das dem Zuge auf einem Male so lieb gewordene Geschütz zusammen. Alles ist total verbogen. Nur das Rohr hält dem Druck stand.

Jetzt ist der Schreck vorbei. Die eigene Infanterie setzt im Gegenstoß den Panzern nach und bezieht wieder die alte Stellungen. Im direkten Beschuß sausen Granaten den Russen nach. Das beruhigt etwas die Kradschützen. Viele rauchen in Ruhe eine Zigarette. Neugierig betrachtet man das Wrack, ehemals war es ein Infanterie–Geschütz. Mancher hat einen Kanten Brot in der Hand und mit Schmunzeln läßt er sich ihn gut schmecken. Auch die Kälte ist vollends gewichen. Keiner geht mit Handschuhen oder Kopfschützer. Man besinnt sich wieder. Ltn. von Bothmer schüttelt Oberfeldwebel Müller die Hand und bedankt sich dafür, daß die IG–Leute sich famos gehalten haben.

Aber da kommen schon die dem Zuge vertrauten Ratschbum–Schrapnells. Die H.K.L (Hauptkampflinie) etwas zurück gezogen, ist voll besetzt. Jetzt kommen 3 Panzer, dieses Mal mit Infanterie, und das ist peinlicher. Als Ltn.von Bothmer, ein guter Soldat, nur sagt: "RAUS", da hastet alles zurück. Die Drahtverbindung ist zur Feuerstellung gestört. Oberfeldwebel Müller ist unglücklicherweise zum Einweisen des Zeltebauens bei den Fahrern. Wieder pfeifen die MG–Kugeln. Die Panzerkanonen sprechen. Die Bedienungen können sich nicht gegen den russischen Ansturm halten. Ogefr. Aumann hockt bei seinem Geschütz. Da erhält das MG einen Granatvolltreffer vom Panzer, so daß es unbrauchbar ist.

Die Kradschützen sind schon weit zurück. Russische Infanterie präsentiert sich der Feuerstellung. Da entschließt sich Aumann, den Befehl von Oberfeldwebel Müller auszuführen. Er reißt die Schnüre von den Sprengladungen des Geschützes und der 38er Munition ab. Dann eilt auch er den Kameraden nach. Detonationen erschüttern die Luft. — Die Panzer kommen aber wieder durch das Buschwerk, sie wollen der Minengefahr begegnen.

In wildem Haufen kommen die Russen die Erikaschneise hoch. Ein MG rasselt dazwischen. Andere Feuerwaffen reihen sich ein in das Gefecht. Minen werden eilig auf die Schneisen gelegt. Aber da kommen die Panzer durch den Wald, den tiefen Schnee und die teilweisen 30 cm starken Tannen nicht schonend. Ein Unteroffizier wird getroffen von einer Panzergranate. Grausam ist der Anblick. Überall gehen die Kradschützen den Panzern aus dem Wege, angeblich haben sie schon einmal ein Panzerdrama erlebt, das sie so verhalten läßt.

Nun kommen die versprengten Russen auch wieder zur Geltung. Plötzlich treten diese unter dem Dickicht hervor. So wird Schütze Windisch verwundet. Da tritt ein Russe hervor und gibt zu verstehen, daß 8 – 9 deutsche Soldaten die Hände hoch nehmen sollen. Schon fallen 2 Schüsse zugleich, der Russe bricht zusammen, getroffen vom Gewehr von Oberfeldwebel Müller und dieser bricht zu Boden, vom Russen an der Schulter verwundet. Die seelischen Beanspruchungen der letzten Tage bleiben nicht ohne Wirkung bei Oberfeldwebel Müller. So gehen im ersten Augenblick die Nerven mit ihm durch. Gleich hat er sich aber wieder besonnen, Aumann und Tiedje bringen den Verwundeten zurück. "Haltet Euch tapfer!" meinte der Zugführer noch zu seinen Leuten.

Der Russe schießt vom Punkt 40,5 mit Pak und MG die Dora–Schneise entlang. Die Landser springen zur Seite, aber da ist es schon zu spät. Bischoff ist am Fuß verwundet. Sofort bellen die Karabiner der Bedienungsmannschaften auf und einige Russen, von Kugeln getroffen, fallen in den Schnee. Schütze Miksch (?), erst tüchtig geschossen, wirft eine Eierhandgranate, vergißt leider, diese abzureißen. Schon jetzt hat es einige Russen gekostet.

Nun sieht Feldwebel Eberhardt sich der gleichen Lage wie in Beaumont (Belgien) gegenüber, nämlich ohne Geschütze und ohne Zugführer. Ruhig und tief besonnen äußert der dem Zug so liebe Feldwebel: "Nach mir Fengewisch und nach Fengewisch Dose." Dann aber kommt der Gegenstoß unter Ltn. von Bothmer. Gruppe Eberhardt und Fengewisch sichern den linken Flügel und gehen so vor. Feldwebel Eberhardt meint zu Dose: "Und wenn man zurück geht, dann gibt man ein schlechtes Beispiel." Vielleicht ahnt der Sprecher schon etwas. Langsam geht es voran, oft auf Russen schießend. Wieder sitzen an einer Stelle ein paar Russen. Aber da ist es schon zu spät, drei Schreie kommen zugleich aus verschiedenen Mündern. Ein paar Mann treten hinzu, Ogefr. Dose jagt einen Feuerstoß aus der MP in den Busch, hier ist jetzt Ruhe, nur die Panzer brummen in der Nähe. Ogefr. Jürgens nimmt Fritz Ficken auf und bringt ihn zurück. Dose ruft zu Martin Fengewisch: "Martin komm!" Aber dieser hockt vorne über geneigt, an einem Zweige festgebissen und antwortet nicht. Keine Wunde ist zu sehen. Uffz. Fengewisch ist tot. Dose nimmt Bartels auf den Rücken und trägt ihn zurück. Jetzt nimmt Klintworth ihn. Aber da kommt der Panzer. Die Bäume fallen. MG–Kugeln werden im Wald zu Querschlägern, die unberechenbar umher fliegen. Dazu die Einschläge der Panzerkanone. Ogefr. Südbeck ist von einem Splitter am Knie verwundet. Bartels muß liegen bleiben. Einer denkt an Schillers Bürgschaft: "Zurück, Du rettest den Freund nicht mehr, so rette Dein eigenes Leben." Jedoch hat der Bartels Glück. 4 Meter von ihm knallt das Ungetüm wie wild um sich, dann trollt es zurück, einen Benzindunst hinterlassend. Jetzt wird Bartels geholt. Am Verbandsplatz treffen sich mehr Leute des I. Zuges. Peters, Hesing, Bischoff, Ficken, Windisch, Bartels, Mickerl (?) und Südbeck. Aber wo ist denn auf einem Male Oberfeldwebel Eberhardt? Jürgens und Dose suchen ihn, während Heins und Tiefenhoff auf einem Spähtrupp sind. Aber man findet ihn nicht. Wo ist er nur? Er, an den die restlichen Leute sich halten müssen. Aber nein, Feldwebel Eberhardt gilt als vermißt. Jürgens und Dose suchen den toten Uffz. Fengewisch. Sie versuchen ihn zu tragen, aber der Schnee, die gestürzten Bäume lassen den leblosen Körper nicht transportieren. (Dabei wird festgestellt, daß die Pistole 08 bereits fehlt.)

Der Tag neigt sich, der I. Zug, 13. Kompanie IR 154 zählt als Gefechtsstärke noch ganze 7 Mann. Ogefr. Dose stellt die Meldung auf, die noch niemals von dem Zug abgegeben wurde und meldet dieses Oberleutnant Ohlsen. Dieser, tief erschüttert, dankt und teilt die 7 Mann bei Obltn. Greift als Bataillonsreserve ein. Neuhoff bringt Verpflegung. Eine Zigarette, ein Moment der Besinnung, da kommen Dose die Tränen!

Das warme Essen schmeckt gut, aber da heißt es schon wieder, einen Spähtrupp zu machen, so gehen Ogefr. Jürgens, Dose und Gefr. Römann los. Der Auftrag wird erfüllt. Anfangs sieht das Unternehmen schwierig aus. Jetzt ist es halb so schlimm. So können die drei dem Hauptmann melden, daß die Erikaschneise und ein bestimmtes Waldgebiet vom Feinde frei ist. Jedenfalls zu dieser Zeit.

Der 24. März bringt wieder Waldgefechte, dieses Mal ostwärts der Doraschneise. Hierbei wird Ogefr. Tiefenhoff verwundet, Römann erhält einen Kopfstreifschuß. Schwer ist der Abtransport von Tiefenhoff durch den Schnee. Schließlich wird Walther Heins vermißt, er kommt irrtümlicherweise zu einer anderen Einheit. Da sind noch 4 Mann da. Dose geht zum Regiment, IR 209 ist im Anmarsch. Der Zug sammelt sich bei den Fahrern. Gefr. Heins findet sich wieder ein.

Aber Feldwebel Eberhardt fehlt. Nicht alles läßt sich durch Tatsachen bekunden, vieles ahnt man, manches kann gefühlt werden. So möchten die restlichen Leute des Zuges mit Bestimmtheit annehmen, daß Feldwebel Eberhardt nicht mehr unter den Lebenden weilt. Eine feindliche Kugel wird ihn tödlich getroffen haben. Ehre seinem Angedenken!

W. Dose, Ogefr.

 

Das Grab von Uffz. Martin Fengewisch                     Anfang April: Tauwetter