Nachwort von Gerhard Friedrich Dose

Nach den Kämpfen am 26. März 1942 wurde die fast aufgeriebene Einheit zur Auffrischung und
Erholung in rückwärtigen Stellungen stationiert. Untergebracht waren sie nach dem Tauwetter teils in Blockhäusern und teils in Zelten auf einem Bauernhof, der die Kampfhandlungen noch relativ gut überstanden hatte.

Bauernhaus und Zelte                                           Laufsteg aus Tannenstämmen

Um die Verbindungen zu anderen Einheiten bei dem durchweichten und matschigen Boden herstellen zu können, wurden Knüppeldämme und Laufstege gebaut. Auch eine Art Sommerlaube wurde errichtet, in der fleißig Skat gespielt werden konnte. Ebenso wurden die sanitären Verhältnisse wesentlich verbessert, indem man neue Latrinen baute. Zur Körperpflege gehörte auch der lange vermißte Haarschnitt.

Knüppeldamm als Fahrbahn                                              Skatspiel in der Laube

Am 1. Mai wurde mein Bruder zum Unteroffizier befördert und am 25. Mai zur Ersatzeinheit in Dänemark versetzt, um von dort aus auf die Offiziersschule in Beverloo, Belgien, geschickt zu werden. Auf der Fahrt nach Dänemark konnte er in den ersten Junitagen in Mölln unsere Mutter kurz besuchen. In Dänemark bekam er sofort Urlaub und fuhr wieder nach Mölln.

Einige Tage nach der Ankunft in Mölln, gingen unsere Mutter und er mit dem Nachbarn, der als Uffz. gerade auch auf Urlaub war, und mit dessen Frau ins Kino. Während der Film lief, wurde ihm so warm, dass er seinen Uniformkragen öffnete und bat, daß sie nach Hause gingen. So verließen sie vorzeitig das Kino. Als sie zu Hause waren, bekam er noch Schüttelfrost, so daß unsere Mutter sofort den Standortarzt anrief. Oberstabsarzt Dr. Harke, den wir auch persönlich kannten, verfügte sofort seine Verlegung ins Lazarett nach Lübeck. Dort stellte man nach einigen Tagen fest, daß er Malaria habe, die er sich in den Wolchowsümpfen zugezogen haben muß.

Da ich selber zu der Zeit Praktikant beim Dornierwerk in Lübeck war, konnte ich ihn fast täglich besuchen. Dabei habe ich erlebt, wie er einen solchen Malariaanfall überstehen mußte. Solche Anfälle kamen täglich.

Haarschnitt muß auch sein                                                          Hygiene ist alles

Da das Lazarett in Lübeck auf solche Krankheiten nicht eingerichtet war, wurde er mit noch zwei weiteren Feldwebeln, die ebenfalls Malaria hatten, nach Hamburg ins Tropenkrankenhaus verlegt. Die gezielten Behandlungen bewirkten, daß er dann doch im Juli wieder in Mölln auf Genesungsurlaub war. Während dieser Tage bekam ich dann meinen Einberufungsbefehl zur Luftwaffe. Ich beendete sofort mein Praktikum, um die letzten Tage noch in Mölln zu verbringen, wußte ich doch nicht, wann wir drei wieder einmal zusammen sein würden. Wir verbrachten bis zu meiner Abfahrt sehr vergnügliche Tage und badeten viel im an unser Grundstück grenzenden Schulsee.

Das letzte Bild von uns zu dritt am 5. 7. 1942

Am 14. Juli abends brachten meine Mutter und mein Bruder mich zur Bahn, da ich mich am nächsten Morgen in der Kaserne in der Fackenburger Allee stellen mußte. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah und nicht wußte, dass ich meinen ersten Urlaub wegen seines Todes bekommen würde.

Nach seinem Urlaub fuhr er wieder nach Hamburg ins Tropenkrankenhaus, wurde nach erneuter Untersuchungen zum Genesungsbataillon in Dänemark geschickt. Von dort wurde er am 13. 08. 42 in die Ersatzkompanie versetzt, um von dort am 12. Oktober nach Beverloo zur Offiziersschule IV zu fahren. Nach Abschluß der Ausbildung wurde er am 1. 12. 1942 morgens Feldwebel und abends Leutnant. Am 14. 12. fuhr er dann wieder nach Dänemark zur Ausbildungskompanie und konnte Weihnachten nach Mölln auf Urlaub fahren. Im neuen Jahr war er dann zur weiteren Ausbildung in Munster Lager und sollte auch noch nach Harburg zur
Pionierausbildung.

Obgleich er mit der Malaria nicht mehr fronttauglich war, meldete er sich bei seinem Divisionskommandeur und bat, wieder an die Front versetzt zu werden. So fuhr er Mitte März wieder Richtung Leningrad und kam als Zugführer in die 13. Kompanie Gren. Regt.
209 in der 58. Gren. Div.

Am 28. Mai 1943, am meinem 19. Geburtstag, hat er mit dem Artilleriebeobachter, Leutnant Dr. Beese, eine Flasche Weinbrand auf mein Wohl geleert. Sie sind dann hinter den Bunker gegangen und haben die Flasche zerschossen. Im Bunker schrieb er mir dann eine Glückwunschkarte, auf der er das vorstehende schilderte. Anschließend machte er einige Beobachtungen mit dem Scherenfernrohr, entdeckte eine neue russische Stellung und wollte die in die Karte eintragen. Der Kartentisch stand unter dem Lichtschacht, der senkrecht durch die Bunkerdecke ging. Den ganzen Tag war es ruhig gewesen und es war kein Schuß gefallen. In dem Moment, als mein Bruder sich über die Karte beugte, flog eine Granatwerfergranate genau in den Lichtschacht, explodierte auf der Glasscheibe und mein Bruder bekam die ganzen Splitter in den Kopf und Oberkörper. Er lebte bewußtlos noch ca. 30 Minuten, obgleich ein Teil des Gehirns auf dem linken Oberschenkel auf dem Reitbesatz der Hose lag.

Die an mich geschriebene Karte bekam ich am 6. Juni in Südfrankreich in Berre l’Etang, wo ich in der 10. Kompanie Fliegerregiment 63 war. (Die Karte habe ich noch nach meiner Gefangennahme am 08. 09.1944 in Namur gehabt. Sie wurde mir erst später in Reims zusammen mit meinem Flugbuch abgenommen.) Gleichzeitig mit der Karte erhielt ich das Telegramm meiner Mutter: "An Deinem 19. Geburtstag starb Dein Bruder den Heldentod. Bitte komme sofort, Mutti". Ich konnte am nächsten Tag von Marseille über Belfort, Köln, Hamburg nach Mölln fahren. Für die Fahrt brauchte ich 1 ½ Tage. Man hatte aber in der Schreibstube irrtümleicherweise "Erholungsurlaub" statt "Sonderurlaub" eingetragen, so dass man mir nach der Gelbsucht im Oktober 43 vom Lazarett in Arras keinen Genesungsurlaub bewilligte. Der Spieß unserer Kompanie, Feldwebel Kurt Jedamski hatte aber ein Einsehen, so dass ich dann Ende November wieder auf Urlaub fahren konnte, zumal ich wegen der offen Füße nach der Erfrierung im Februar 43 nicht dienstfähig war.

Ich ließ mich in Mölln im Standortlazarett behandeln und traf dort auch Oberstabsarzt Dr. Harke wieder. Das Möllner Lazarett schrieb mich reiseunfähig. So konnte ich bis Sylvester in Mölln und am ersten Weihnachtsfest nach dem Tode meines Bruders zu Hause sein. Es war auch mein letzter Urlaub als Soldat. Es sollte drei Jahre dauern, bis ich Weihnachten wieder zu Hause sein
konnte und das auch nur, weil wir "schwarz" auf Urlaub aus der Kriegsgefangenschaft fuhren.
(siehe: Die waffenlose Zeit als Soldat von Gerhard Friedrich Dose)

Es folgenen einige photographische Aufnahmen, aus dem Album meines Bruders. Sie ergänzen die Aufzeichnungen und das Nachwort. (nächste Datei)