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Die waffenlose Zeit als Soldat
Kapitel 1
Namur
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Wir befanden uns auf den Gleisen zum Bahnhof nach Namur. Am Tage vorher hatten wir, das waren 3 Landes- schützen der Wehrmacht und zwei Mann der 12. SS Panzerdivision "Hitler-Jugend", alle Dienstgradabzeichen und die Hoheitsadler abgetrennt, die Soldbücher, verräterische Bilder, vernichtet und die Erkennungsmarken und restlichen Waffen zerstört. Einer der Landesschützen hatte noch ein Koppelschloß der Luftwaffe, das er mir gab. Mein Kamerad von der SS hat sein Koppel weggeschmissen, damit ihn das Koppelschloß nicht als SS-Angehörigen verrate. Freundliche Belgier in Huy hatten mich gewarnt, man würde Angehörige der Waffen SS und Fallschirm- jäger, ohne nach einer Schuld zu fragen, sofort erschießen.
Nachdem die Belgier festgestellt hatten, dass wir keine Waffen besaßen, durften wir unsere Hände wieder runter nehmen und man brachte uns in den Wachraum, der sich im Bahnhofsgebäude befand. Wir mußten nun unsere Taschen leeren, wobei sie dann auch die Fotos von mir in Luftwaffenuniform und meinen Bruder als Leutnant der Infanterie fanden. Nach ihn befragt, sagte ich ihnen: "Mort en Leningrad". Sie sagten bedauernd. "C’est la guerre." Ein junges Mädchen brachte den Belgiern warme Waffeln. Sie wurde gebeten, für uns Brot usw. zu bringen. Kurze Zeit später kam sie wieder und hatte das Erbetene dabei, auch zu trinken. Da man uns die Messer der Eßbestecke abgenommen hatte, fragte ich die Bewacher, womit wir unser Brot schneiden sollten. Sie gaben uns die Messer wieder, bedeuteten uns aber, dass wir keinen "Unsinn" machen sollten. Bis zum Hellwerden haben wir uns dann noch unterhalten, soweit wir das mit den wenigen Französischkenntnissen bei mir und den mangelnden Deutschkenntnissen bei den Belgiern konnte.
Als es hell war, brachte man uns in die Kaserne "Maria Antoinette" in der Stadt, wo bis jetzt kaum Landser waren. Die Belgier brachten uns 5 dicke Winterkradmäntel der Wehrmacht mit der Bemerkung, dass es auf den Winter zugehe und wir die wohl brauchen könnten. Gegen Mittag kamen noch mehr Landser in die Kaserne. Es erschien auch ein belgischer Militärarzt, der sofort alle Gefangene untersuchte, wobei er von einen deutschen Sanitätsfeldwebel unterstützt wurde. Der Arzt sah die kleine Wunde an meinem linken Schlüsselbein, fragte nach der Ursache. Als ich ihm sagte, dass die Wunde von einer Pistolenkugel her rühre, ordnete er meine sofortige Verlegung in das katholische Krankenhaus an. Ein Leutnant der Belgischen Armee brachte mich am Sonnabend per Straßenbahn hin. Ich kam in ein Krankenzimmer, wo schon mehrere Deutsche lagen. Ich mußte mich ausziehen und wurde sofort in eine Badewanne gesteckt. Meine Uniform und die Unterwäsche wurden mir weggenommen, Statt dessen bekam ich ein weißes Nachthemd. Ein blütenweißes Bett wartete auf mich, in das ich mich mit Genuß hineinlegte. Ein Arzt untersuchte mich dann und meinte auf französisch-deutsch, dass ich Glück gehabt habe. Die Kugel sei nicht eingedrungen. Anschließend kam ein katholischer Geistlicher, der sehr gut deutsch sprach, und unterhielt sich mit mir. Er wollte von mir persönliche Dinge wissen, wie z. B. seit wann ich bei den Kämpfen gewesen sei, was ich vorher gemacht hätte, was für berufliche Vorstellungen ich habe usw. Nach dem Abendbrot kam eine junge Krankenschwester zu mir und fragte, ob ich am nächsten Morgen an der Sonntagsfrühmesse, die ihr Bruder feiere, teilnehmen wolle. Ich dankte ihr für das Angebot, sagte aber, dass ich lieber schlafen wolle, denn ich hätte seit Ende Mai nicht mehr in einem Bett geschlafen. Sie hatte dafür Verständnis und meinte, dass sie mir das Frühstück dann nach der Messe bringen werde.
Am Sonntagmorgen nach der Messe und dem guten Frühstück kam der Kaplan wieder zu mir und erzählte mir während des Gespräches, dass im Nebenzimmer ein Oberst eines Panzerregimentes liege, der sehr hohe Orden habe. Er habe eine schwere Kopfverletzung. Ich mußte sofort an meinen Divisionskommandeur Generalmajor Kurt Meyer, genannt Panzermeyer, denken, wagte aber nicht zu fragen, ob ich zu ihm dürfe. Einmal wußte ich nicht, welche Art Kopfverletzung er habe und ansprechbar sei und zum anderen könnte es Argwohn erregen, wenn ein einfacher Soldat einen verwundeten Oberst sprechen wolle. Ich mußte auf die beiderseitige Tarnung bedacht sein.
Am Montagmorgen kam die junge Schwester und erklärte mir, dass ich nach dem Mittagessen wieder in die Kaserne zurück müsse. Leider hätten sie meine Sachen nicht waschen können, so dass ich wieder die dreckigen Klamotten anziehen mußte. Die Unterwäsche trug ich ohne sie gewaschen zu haben seit der Abfahrt in Berlin. Wasser haben die Sachen nur bei Regen und bei einem unfreiwilligen Bad in der Maas gefühlt.
Nach dem Essen zog ich mir also die Drecksklamotten an, warte einige Zeit bis der Leutnant wieder da war. Als wir auf der Straße waren und zur Straßenbahnhaltestelle gingen, sagte er mir, er habe vergessen, Munition mitzunehmen und bat mich, keinen Fluchtversuch zu machen. In der vollen Straßenbahn sorgte er für einen Sitzplatz, den die Belgier auch sofort einräumten. In der Kaserne wurde ich einer Stube zugeteilt und war nun mit mir völlig fremden Landsern zusammen. Am Donnerstag, den 13. 08. kamen Amis mit Lkw. Wir mußten alle antreten, wurden abgezählt, wobei dann diejenigen, die noch eine Uhr oder Orden hatten, diese Dinge auch los wurden, kamen auf die Lkw und es ging mit Bewachung durch Schwarze über Florennes, Philippeville, Couvin, Chimay und Hirson nach la Capelle in ein großes Durchgangslager, das in mehrere Felder eingeteilt war. Wir lagen da auf dem freien Feld. Das Lager war so unterteilt, dass die eine Seite die Neuankömmlinge aufnahm, in der Mitte die Zelte für die Verhöre standen und daran an schloß sich das Lager für die bereits Verhörten. Als erstes mußten wir alle unsere Sachen ausbreiten. Dabei wurde ich auch mein Messer wieder los, das mir die Belgier wieder gegeben hatten. Zu den vorgelegten Bildern wurde ich gefragt, wer und wo das sei. Auch meinen vom NSFK ausgestellten Segelfliegerausweis "C" und das Flugbuch konnte ich behalten. (Den "C"-Ausweis habe ich heute noch).
Einen Tag nach unserer Ankunft wurde ich von einem Ami gebeten mit allen Sachen zu ihm zu kommen. Er begann mit der Befragung, wann ich Soldat geworden sei, bei welchen Einheiten ich war und was ich beruflich machte bzw. geplant hätte. Ich beantwortete ihm die Fragen. Als ich sagte, dass ich Ende Mai von der Luftwaffe zur Waffen SS versetzt worden war, erklärte er mir, dass die Soldaten von der "Hermann-Göring-Spende" nicht zur SS gezählten würden, zumal wir auch keine Tätowierungen bekommen hatten. Die Amis wußten sehr wohl zwischen der kämpfenden Truppe der Waffen SS und den in gleicher Uniform herumlaufenden Angehörigen des SD zu unterscheiden. Da ich vor der Einberufung zur Luftwaffe bei den Dornierwerken in Lübeck als Praktikant war, wollte er, dass ich mich am nächsten Tag noch einmal mit einem Luftwaffenexperten unterhalten solle. Aus diesem Grunde sollte ich in das Eingangslager zurück gehen. Ich fragte ihn, ob es vielleicht möglich sei, etwas zu essen zu bekommen. Er meinte, er wolle mal sehen. Ich ging wieder zurück in das Lager. Nach einiger Zeit wurde ich wieder zu ihm gerufen und er zeigte auf den Tisch, auf dem mehrere Dosen mit kalt Eßbarem stand. Er gab mir auch einen kleinen Dosenöffner und meinte, ich solle das so essen, dass die anderen nicht merkten, dass ich eine Sonderration habe. Er gab mir auch noch eine Decke, die ich am nächsten Tag wieder abgeben mußte.
Die Unterredung bezüglich Dornierwerk war nur kurz, denn man
hatte vielleicht mehr erwartet, als ein Praktikant sagen konnte. Ich ging
dann in die andere Abteilung des Lagers. Am nächsten Tag, den 17.
09. kamen Sattelschlepper, auf die wir mit jeweils 50 Mann steigen mußten.
Es ging mit Schwarzenbewachung über kleinere Ortschaften nach Compiègne,
wo in der Stadt ein Lager in einer ehemaligen französischen Kaserne,
die aus Holzbaracken bestand, eingerichtet worden war.
nach Compiègne
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