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Die waffenlose Zeit als Soldat

Kapitel 3

Reims, Lager 2


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Ungeachtet der Arbeitskommandos und der Hand in der Schlinge mußten ich mit den anderen Landsern am 15. 10. antreten und ein großer Teil stieg auf Sattelschlepper. Bei strömenden Regen ging es über Soisson und Laon nach Reims. Auf dem umzäunten Feld an der Rue de Nice lagen Zeltplanen. Wir mußten die 10-Mann Zelte in dem vom Regen aufgeweichten Boden aufstellen und die Nacht mit 20 Mann ohne Unterlagen, auf dem Matsch liegend, schlafen. Während der Nacht hatte der Regen aufgehört.

Am nächsten Morgen wurde uns mitgeteilt, dass wir nunmehr in einem Arbeitslager seien, dem Lager 2, und täglich anderen Arbeitsstellen zugeteilt würden. Als erstes mußten wir aber das Lager mit den erbeuteten deutschen Luftwaffen–Lazarettzelten herrichten. Nachdem noch weitere Kriegsgefangene angekommen waren wurden wir in Kompanien eingeteilt. Die Kompanien hatten nicht wie bei uns Nummern, sondern Buchstaben. Die Kompanie wurde von einem Oberfeldwebel geführt. Unterstützt wurde er von einem Feldwebel und einem Unteroffizier. Wegen der Hand in der Schlinge und weil ich in Luxeuil-les-Bains zuletzt Fourier gewesen war, wurde ich Fourier und kam in das Kompanie-Stabszelt, das an der Stirnseite der Zeltreihen stand.

Außer den Zelten für die Arbeitskompanien wurden auch die Verwaltungszelte, Lazarettzelte und die Küchenzelte mit den großen Kochkesseln aufgestellt. Bei dem Aufbau wurden wir von den Amerikanern insoweit unterstützt, als dass sie die Arbeiten mit den auf Lkw montierten Bohrgeräten und Fallhämmer bedienten und auch die schweren Sachen mit einem Lkw-Kran hantierten. Auch wurden mit Maschinen die Latrinengruben ausgehoben und mit einem Zeltdach versehen. Die amerikanische Lagerverwaltung erhielt in der Nähe des Eingangstors ein Holzbaracke.
So entstand ein großes Zeltlager, in dem die Unterkunftszelte in 4 langen Reihen standen. Die deutschen Luftwaffen-Lazarettzelte waren für 30 Krankenbetten ausgelegt, wir schliefen aber mit ungefähr 60 Mann in doppelstöckigen Betten in einem Zelt. Eine Kompanie war in vier Zelten untergebracht. In den Zelten waren auch 2 mit Holz zu heizende Öfen installiert, die später nach Kriegsende gegen Benzinöfen umgetauscht wurden. In der Mitte des Zeltes standen Tische und Bänke. Es konnte aber nicht alle an den Tischen sitzen, so dass einige immer auf den Rohrkanten der Feldbetten sitzen mußten, besonders die, deren Bett unten war. In jedem Zelt war ständig ein „Zeltmann“, der die notwendigen Arbeiten am und im Zelt erledigte, bei Kälte auch die Öfen heizte, die Kaltverpflegung verteilte und die Essenholer bestimmte.

Gleichzeitig zu den Aufbauarbeiten wurde das Sanitätswesen installiert. Es kamen amerikanische und deutsche Ärzte ins Lager. Wegen der veränderten Ernährung hatten viele Durchfall. Der wurde mit Kakaopulver behandelt. Ich mußte wegen der operierten Hand auch zum Arzt. Damit ich die Hand in Seifenwasser baden konnte, bekam ich eine Wasserzuteilung von 20 Liter Wasser pro Tag, obgleich sonst kein Wasser außer für die Küche vorhanden war. Es wurde anfangs mit Kesselwagen ins Lager gebracht. Wir gingen mit dem Wasser natürlich sehr sparsam um. Die Hand badete ich nach Möglichkeit in einem Minimum an Wasser, den Rest nahmen wir teils zum Trinken und teils zur Körperpflege der 4 Mann im Zelt. Einer von uns hatte sich in einer leeren Konservendose Benzin besorgt, wofür ist mir entfallen. Er hatte die offene Dose zwischen zwei Betten unten an die Planenwand gestellt. Über den Kopfenden der Betten hatten wir Holzablagen geschaffen, auf die wir auch Kerzen stellten. Unglücklicherweise fiel eine dieser brennenden Kerzen in die Benzindose. Da ich in der Nähe war, ergriff ich mit der rechten Hand die brennende Dose und brachte sie nach draußen und stellte sie so ab, dass das Feuer keinen Schaden anrichten konnte. Die Zeltwand hatte Feuer gefangen und wurde von Feldwebel Röder gelöscht. Ich lief anschließend in die Küche und steckte die verbrannte Hand in einen Eimer mit Schmalz. Anschließend ging ich zum Sanitäter, der mir die Hand mit Brandsalbe einstrich und verband. Nun hatte ich beide Hände verbunden, konnte alleine kaum etwas machen. Am nächsten Tag mußte ich zum Arzt, der die weitere Behandlung festlegte. Ich war völlig auf die Hilfe der Kameraden angewiesen. Feldwebel Wolfgang Röder kümmerte sich sehr um mich und half mir sehr.

Bisher waren wir noch nicht registriert worden. Wir mußten nach und nach in die Verwaltungsbaracke kommen. Es wurden die Personalien, letzter Dienstgrad und Wehrmachtsteil, Tag der Gefangennahme und die letzte Heimatschrift aufgenommen und wir erhielten eine Gefangenennummer. Nach einigen Wochen wurden dann amerikanische Erkennungsmarken ausgegeben. Auf meiner stand: Dose, Gerhard, 31 G 978124, PW 2. Diese Marke mußte man ständig bei sich tragen.

Nachdem in wenigen Tagen die Zelte für ca. 2500 Mann aufgestellt waren, die Küche so ausgerüstet war, dass sie drei Mahlzeiten bereiten konnte, wurden morgens die Leute zu den verschiedenen Arbeitskommandos eingeteilt. Es wurde in 5-er Reihe angetreten. Je Arbeitskommando wurden dann die entsprechenden Reihen abgezählt und es übernahm der amerikanische Kommandoführer die Leute und brachte sie zur Arbeitsstelle. Die gleiche Prozedur erfolgte am Abend für die Nachtschichten. Es wurde ein gewisses Rotationssystem eingeführt, so dass die Leute jeden Tag auf einer anderen Arbeitsstelle waren. Im F-Shet, einer ehemaligen Wollspinnerei, lagerte Bekleidung, beim Benzinlager wurde aus Kesselwagen Benzin in Kanister umgefüllt, wobei die Landser ständig in benzingetränkter Erde standen. Im Pigeon-Yard befanden sich Zeltausrüstungen, Öfen, Grabkreuze und andere Versorgungsgüter für die Truppe. Durch eine Straße getrennt war der Ausladebahnhof für das Verpflegungslager in Cernay, wo die Verpflegung gestapelt und auch an die Front verladen wurde. So gab es in der näheren Umgebung des Lagers noch weitere Stellen, zu denen die Landser zur Arbeit geführt wurden. Gleich neben dem Lager war eine Eisenbahnreparaturwerkstatt der französischen Eisenbahn. Dort arbeiteten mit den Franzosen PoW, die gelernte Schlosser oder Mechaniker waren. Als meine Hände es gestatteten und der Arzt „grünes Licht“ gab, habe ich den Posten als Fourier abgegeben und mich freiwillig zu den Arbeitskommandos gesellt, mußte dafür aus dem Kompanieführerzelt aus– und in ein großes Zelt einziehen.

Eines Abends kamen Lkw, die Kompanieführungen mußten antreten und wurden auf die Lkw verladen. Man gab ihnen nicht einmal die Gelegenheit, die Privatsachen aus den Zelten zu holen. Wäre ich noch im Kompanieführerzelt gewesen, wäre ich auch mit abgeholt worden. Am nächsten Tag kamen neue Unteroffiziere und übernahmen die Kompanien. Den Grund dafür haben wir nie erfahren.

Wir trugen bis jetzt noch immer die Unterwäsche, die wir bei der Gefangennahme anhatten. Die Landser, die im F-Shet waren, hatten bald heraus bekommen, welche Größenbezeichnungen die Unterwäsche hatte. So wurde dann heimlich die Wäsche gewechselt. Die Amis merkten das, machten aber kein Aufsehens davon, sondern es wurde sackweise neue Unterwäsche ins Lager gebracht, mit waschfester Farbe wurde PW aufgetragen und jeder bekam zwei Garnituren. Inzwischen hatte sich auch die Wassersituation gebessert. Wir waren noch im November 1944 an das öffentliche Wassernetz angeschlossen worden, so dass wir unsere Wäsche waschen konnten und zwischen den Zelten zum Trocknen aufhängten. Damit war der Wäschewechsel im F-Shet unterbunden, aber auch überflüssig geworden. Kurz vor Weihnachten wurde auch elektrisches Licht installiert, so dass die Brandgefahr mit den Kerzen vorbei war. Gleichzeitig wurde eine Randbeleuchtung um das Lager und eine zweite Reihe Stacheldraht installiert. Bewacht wurden wir von Schwarzen, die sich gern mit uns über den Zaun unterhielten.

Nachdem die Küche voll eingerichtet war, bekamen wir morgens eine Milchsuppe, bestehend aus verdünnter Dosenmilch mit Keksen oder mit Ceralien. Als Getränk wurde Bohnenkaffee ausgegeben. Brot, Butter, Marmelade, Wurst, Schokolade und Kekse, sowie Zigaretten fanden wir abends auf den Betten vor. Mittags wurde das Essen zur Arbeitsstelle gefahren. Jeder erhielten über 1 Liter Suppe in verschiedenen Zusammensetzungen. In der Suppe war viel fettes Fleisch. Am Abend gab es wieder Kaffee zu der Kaltverpflegung. Die Folge der guten Verpflegung war, dass viele Landser Durchfall bekamen und sich auch einige mit Furunkeln im Nacken krank meldeten.

Ungefähr Mitte November bekamen wir Vordrucke für Kriegsgefangenenpost. So konnten wir zwei mal im Monat je einen Brief und eine Karte schreiben. Die Briefe schrieb ich an meine Mutter in Mölln und die Karte an meine Bekannte Evi Schröder in Hamburg. (Ihr Vater war 1914 in der Kompanie meines Vaters als Unteroffizier mit in den Krieg gezogen, war den ganzen Krieg über beim IR 85, wurde wegen Tapferkeit vorm Feind zum Offizier befördert, ging mit dem Freikorps

Schleswig-Holstein mit zur Hamburger Polizei. Meine Eltern hatten sich mit Schröders befreundet). Wir glaubten nicht, dass die Post ankommen und wir jemals eine Antwort erhalten würden. Die Kampfhandlungen in Deutschland ließen ja vermuten, dass die Post maximal bis zur Schweiz käme. Mitte April 45 wurde ich überraschenderweise zu Captain Bauder bestellt. Der übergab mir einen Brief meiner Mutter, der 3 Wochen unterwegs gewesen war. Das war der einzige Brief, der bis Juli 1945 für uns ca. 2500 Mann angekommen war. Später erfuhr ich, dass nicht meine Mutter Post von mir bekommen hatte, sondern Evi. Am gleichen Tag traf ihr Vater, der Oberstleutnant im Hamburger Generalkommando war, einen früheren Freund meines Vaters, Generalleutnant Dr. Retzlaff, und sagte ihm, dass seine Tochter eine Karte von mir aus der Gefangenschaft bekommen habe. Retzlaff telefonierte mit meiner Mutter und Evi schickte die Karte an sie. Meine Mutter hat sofort geantwortet. So wußten alle, dass ich am Leben war und auch gesund.

Im Juli 45, nachdem sich die Verhältnisse in Deutschland nach dem Kriegsende wieder etwas normalisiert hatten, erhielten wir alle eine Postkarte mit der Überschrift: „Ein Mitglied der geschlagenen deutschen Wehrmacht sucht seine Angehörigen“. Wir empfanden das als taktlos, wenn es auch Tatsache war. Von da an ging der Postverkehr reibungslos und wir konnten soviel schreiben und schicken, wie wir wollten, ja sogar Pakete habe ich später geschickt.
Mitte Dezember 44 war plötzlich Fliegeralarm. Die Randbeleuchtung des Lagers erlosch. Der Motorenlärm schwoll an und ein Ju 88 zog so tief über unser Lager hinweg, dass wir die Auspuffflammen sehen konnten.

In der zweiten Hälfte des Dezembers holten wir morgens unsere Suppe. Statt der üblichen Ceralien war nur Sauerkraut im Wasser vorhanden. Wir waren erstaunt. Den Grund erfuhren wir dann auf der Arbeitsstelle aus der Soldatenzeitung „Star and Stripes“. Die Deutsche Armee hat einen Angriff in den Ardennen gestartet und der Vormarsch soll schneller vorangekommen sein, als 1940 beim Frankreichfeldzug. Diese Sauerkrautverpflegung von 3 mal am Tage hielt länger an, die Landser nahmen wieder ab.

So kam Weihnachten näher. Die Verpflegung besserte sich nicht, so dass es schon auf den Arbeitskommandos wegen Hunger Ausfälle gab und die zusammengebrochenen PoW mit Jeeps ins Lager gefahren wurden. Am Heiligen Abend sollten wir auch am Abend wieder zur Arbeit ausrücken. Da haben wir das erste Mal gestreikt und den Amis klar gemacht, dass der 24. 12. für uns ein hoher christlicher Feiertag ist und der entsprechend begangen wird. Unser amerikanische Lagerkommandant, Captain Bauder, hatte dafür Verständnis, ließ die Arbeitskommandos in die Zelte wegtreten und sorgte dafür, dass wir noch am selben Tag etwas Zusatzverpflegung in Form von Keksen und Rauchwaren bekamen. Unser Zeltmann hatte aus Kistenholz, etwas organisierter grüner Farbe und mit dem Wachs an den Rationsschachteln einen kleinen „Tannenbaum“ improvisiert. Die selbstgemachten Kerzen brannten. Viele der Kameraden zogen sich auf ihre Betten zurück und man hörte leises Weinen. Aber die Amis hatten sich doch noch eine Schikane ausgedacht. Gerade als wir bei dem trüben Weihnachtsbaumlicht zusammen saßen und Weihnachtslieder singen wollten, kamen MP (Militär Polizei) ins Zelt und machten eine Zeltdurchsuchung. Man suchte angeblich ein Funkgerät mit dem das Lager mit Deutschland in Verbindung stände. Wir hatten kein Funkgerät im Lager, also fand man auch keines. Der 25. 12., der eigentliche Weihnachtstag der Amerikaner, war für uns arbeitsfrei, aber am 26. 12. ging es wieder hinaus.

Das Rotationsprinzip hatte sich anscheinend nicht bewährt. Zwischen Weihnachten und Neujahr wurden nun die Arbeitskommandos kompanieweise gebildet und einem ständigen Arbeitsplatz zugeordnet. Im geringen Rahmen konnten eventuelle Wünsche berücksichtigt werden. Ich meldete mich mit einigen anderen zum Pigeon Yard. Unsere Beweggründe waren, dass der Yard nicht weit vom Lager war, man ständig die frischen Luft hatte und der Bahnhof für die Verpflegungslager nebenan war. Außerdem waren dort kleine Traktoren, auf denen man fahren durfte. Wir mußten allerdings dafür in ein anderes Zelt ziehen. So ging es ab den 2. Januar 1945 jeden Tag zum Pigeon Yard.

Chef auf dem Yard war ein Ltn. Colonel Law, von Beruf Rechtsanwalt in New York und Ureinwohner, also Indianer. Unser amerikanischer Kompanieführer war ein Leutnant Theodor J. Hipp, Hotelbesitzer in Chicago, dessen Großmutter noch in Baden-Baden wohnte. Man hatte über die Weihnachtstage die Arbeitseinsätze umorganisiert. So hatten wir stets den gleichen „Supervisor“, einen Pastor aus Dallas, Texas, Corporal Charlie Carter, der stets von dem PfC Floyd Johnson, beide Schwarze, begleitet wurde. Parallel zu den Amerikanern wurden auch „Foremen“ aus den Reihen der PoW bestimmt. So wurde ich als „Foreman“ eingeteilt. Charlie brachte mir wegen der schlechten Verpflegung jeden Mittag ein Sandwich mit Fleisch mit, auch bekam ich Zigaretten für das Arbeitskommando von ihm.


Der rote Pfeil zeigt auf das Lager 2. Etwas oberhalb sieht man die Gleise vom Pigeon-Yard

Da der Ausladebahnhof für die Verpflegung neben uns lag, hatten einige Landser schon festgestellt, wie wir die Lagerverpflegung aufbessern konnten. Die Lagerstapel mit den Zeltheringskisten wurden so hergerichtet, dass unter der obersten Schicht ein Hohlraum war, in dem die „erbeuteten“ Kisten mit Eßbarem versteckt wurden und wir dort auch ungestört essen konnten. So haben wir die schlechte Zeit der Lagerverpflegung gut kompensieren können. Trotzdem sind von den ca. 220 Mann, die am Morgen ausmarschierten, jeden Tag ca. 100 Mann wieder ins Lager gefahren worden. Die Lagerverpflegung besserte sich erst wieder merklich, als der Krieg beendet war.

So vergingen die Monate gleichmäßig. Ich schnappte mir einen kleinen Trecker und brachte mir in den Gängen zwischen den Stapeln und auf den Straßen selber das Autofahren bei. Vom Trecker stieg ich dann auf den uns zur Verfügung stehenden Jeep um, fuhr auch die Lastwagen, die kamen, um Sachen zu bringen oder zu holen, fuhr auch die Sattelschlepper. Wenn ein Sattelschlepper rückwärts zwischen den Stapelreihen gefahren werden sollte und die Fahrer an die Stapel stießen, ließ man mich holen, um die Fahrzeuge ohne Anstoßen zur Ladestelle zu fahren.

Wenn Charlie und Floyd einmal keine Lust hatten, kamen sie einfach nicht. Damit der Betrieb aber nicht gestört wurde, sagte Charlie mir, dass ich die Wareneingangsscheine (Tally In) und Warenausgangsscheine (Tally out) mit seinem Namen unterschreiben solle. Dies tat ich auch kurz nach dem Kriegsende. Ich wurde von Col. Law gefragt, warum ich denn immer mit Carters Namen unterschreiben würde, der sei schon in den USA. Ich solle ab jetzt mit meinem Namen unterschreiben.

Anfang Mai 1945 lasen wir in der „Star and Stripes“, dass die deutsche Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz mit den Alliierten Verhandlungen aufgenommen habe. In der Zeitung sahen wir auch ein Bild, das den ehemaligen deutschen Botschafter in der Türkei, Franz von Papen auf einem Balkon in einem Hotel in Reims zeigte. Als die Kapitulationsurkunde in Reims unterschrieben war, mußten wir auf dem Pigeon Yard antreten und Ltn. Hipp teilte uns auf deutsch mit, dass der Krieg zu Ende sei und das Deutsche Reich bedingungslos kapituliert habe. Danach ging die Arbeit im gewohnten Trott weiter.

Um amerikanisches Personal einzusparen, wurde gleich nach der Kapitulation beim Güterbahnhof eine „Chacker-School“ zur Schulung von PoW eingerichtet. So übernahm ich nach der Schulung die Leitung des ganzen Pigeon Yard. Von den Amis war nur noch Leutnant Hipp da.

Nach der Kapitulation wurde die deutsche Lagerführung, die bisher aus Männern mit Unteroffiziersrängen bestand, von Offizieren abgelöst. So wurde unser neuer Kompanieführer ein Oberleutnant Dorn, der gern schnitzte.

Die Bewachung änderte sich auch. Statt der Schwarzen bekamen wir Franzosen und danach Polen. Die Verhältnisse zu den Schwarzen war gut, zu den Franzosen nicht ganz so gut, wobei man auch Unterschiede machen mußte. Die Polen waren alle haßerfüllt, meinten uns drangsalieren zu können und uns mit Kolbenschlägen zur Arbeit antreiben zu müssen. Das war ihnen ausdrücklich verboten, sie hätten nur darauf zu achten, dass keiner fliehe. So schlug mich ein Pole einmal mit dem Kolben. Ich sagte dem gut deutsch sprechenden polnischen Kommandoführer, dass ich am Abend 2 Zigaretten in einer Packung haben würde, die wir eigentlich nicht haben dürften. Wenn bei der Abendkontrolle von den Polen nichts gefunden würde, dann würde ich die Sache auf sich beruhen lassen, andernfalls würde ich das dem Major Bauder (er war inzwischen befördert worden) melden. Bei der Kontrolle nach unerlaubten Dingen am Lagertor fand er bei mir die kleine Packung Zigaretten, meinte sich hervorzutun und meldete das Major Bauder. Die Polen konnten nicht direkt mit den Amis sprechen. So sagte der Pole zu seinem Kommandoführer etwas auf polnisch, der sprach mit einem Lagerdolmetscher auf deutsch, der Dolmetscher sagte das dann auf englisch dem Major. So konnte ich dem Major auf englisch informieren, dass der Pole mich, obgleich ich „Warehouseleader“ sei, geschlagen habe. Der Pole wurde dann gefragt, warum er das getan hat. Er sagte, dass ich ihn „Polnisch Schwein“ genannt hätte. Major Bauder fragte mich, ob das stimme, worauf ich ihm sagte: „I wouldn’t think that“. Der Major verwarnte den Polen eindringlich und stellte bei Wiederholung eine Bestrafung in Aussicht, ich könne ins Zelt gehen. Da meinte der Pole, dass ich doch unerlaubte Zigaretten gehabt hätte. Major Bauder nahm die Zigaretten und gab sie mir als „Schmerzensgeld“. Danach hat nie wieder ein Pole versucht, einen Landser zu schlagen.

Das Arbeiten wurde immer gemütlicher und bei einigen die Lust auf „Organisieren“ immer größer. So ging einmal einer, er hieß Seifert und war ein klein bisschen naiv, zum Bahnhof gegenüber und holte eine Kiste mit 144 Tafeln Schokolade (D-Ration). Dabei lief er Ltn. Hipp direkt in die Arme. Ltn. Hipp, der deutsch und französisch sprach, sagte zu ihm: „Seifert, was hast Du da gemacht, das sind doch nur 144 Tafeln, gehe hin und hole noch eine Kiste, damit hier jeder eine Tafel zum Mittag bekommt“. Seifert tat das und wir hatten mittags eine Sonderration Schokolade. Seifert hatte immer „lange Finger“. So ging er einmal mit 2 Rollen Klopapier über den Yard. Ltn. Hipp fragte ihn, was er damit wolle. Seifert sagte nur, dass nichts anderes zum Klauen da war. Hipp hat nur gelacht und den Kopf geschüttelt und mir das in der Office erzählt.

Es war aufgefallen, dass beim Verpflegungsbahnhof Waggons ankamen, die schon teilweise entleert worden waren. Da die Waggons von der französischen Eisenbahn rangiert wurden, fiel der Verdacht auf das Güterbahnhofspersonal. Die bestritten das energisch und behaupteten, dass diese Waggons vorher irrtümlich auf dem Pigeon Yard gewesen seien und die PoW Kisten herausgenommen haben müßten. Also kam man zu uns, wir bestritten vehement diese Anschuldigungen. Wir erklärten, dass wir die Waggons zwar geöffnet hätten, weil wir nicht wußten was sie enthielten. Nachdem wir festgestellt hatten, dass die Sendung für nebenan bestimmt war, hätten wir die Waggons wieder geschlossen und veranlaßt, dass sie auf das richtige Gleis geschoben wurden. Wir machten den Vorschlag, dass beim nächsten „falschen“ Waggon wir den in Beisein von Amis voll entladen, dann die Ladung beim Einladen neu zählen und auf den Verpflegungsbahnhof senden würden. Die Amis waren einverstanden. Als der Waggon auf dem Nachbargleis ankam, ließen die Amis, die beim Aus- und Einladen dabei gewesen waren und die Anzahl der Kisten genau kannten, den Waggon ausladen und zählten die Kisten. Es fehlten etliche. So war unsere „Unschuld“ bewiesen und wir konnten die fehlgeleitete Waggons weiterhin dezent „erleichtern“.

Eines Morgens war ein neuer schwarzer Wachführer da. Als ich ihm meldete, dass die PoW zu Abmarsch bereit seien, sagte er auf deutsch: „Dann man ohne Tritt marsch“. Ich war erstaunt, dass er mich mit fast akzentfreiem Deutsch ansprach. Es stellte sich beim weiteren Gespräch heraus, dass er Professor für Angelistik und Germanistik an einer Uni war. Von da an hat er mit mir deutsch und ich mit ihm englisch gesprochen. Ich habe davon sehr viel profitiert, denn er konnte mich immer berichtigen und dabei den Grund erklären.

Auf dem Verpflegungslager in Cernay war es sowohl der französischen Bewachung als auch den PoW streng verboten die kleinen Dosenöffner zu besitzen. So versuchte ein Ami, der immer gelbe Handschuhe trug und deshalb „Gelbe Hand“ genannt wurde, bei einem Landser einen Dosenöffner zu leihen, um die in seiner Hand befindliche Dose zu öffnen. Der Landser sagte nur: „Can-opener verboten“. Gelbe Hand versuchte es noch bei weiteren PoW, immer mit demselben Ergebnis. Dann fragte er einen Franzosen. Der langte dienstbeflissen in seine Tasche und gab ihm einen Canopener. Gelbe Hand nahm ihm sofort das Gewehr ab und ließ ihn festnehmen. Es muß erwähnt werden, dass in Cernay keinerlei Grund vorhanden war, Dosen zu klauen und zu öffnen. Man hatte in einem Aufenthaltszelt jede Menge Dosen offen stehen, so dass sich jeder, ob Ami, PoW oder Franzose daran gütlich tun konnte.

Die im benachbarten Eisenbahn-Ausbesserungswerk arbeitenden PoW wurden von den französischen Kollegen bewundert. Wenn bei den Arbeiten etwas autogen oder elektrisch zu schweißen war, dann griffen sich die Landser die entsprechenden Schweißgeräte und schweißten. Die Franzosen mußten erst einen Schweißer heranzitieren. So waren die Franzosen immer froh, wenn sie einen PoW zur Seite hatten.

Das Leben im Lager spielte sich nicht nur auf den Arbeitsstellen ab. Wer wollte, konnte an verschiedenen Vorträgen teilnehmen. So gab Prof. Dr. Rheintaler aus Wien Unterricht in Englisch und Französisch. Prof. Dr. Kremsmeier, Wien, hielt Vorträge über die Verwandtschaften der romanischen, germanischen und slawischen Sprachen, wobei er auch auf Zusammenhänge mit der chinesischen Sprache hinwies. Dr. Nowotny, Wien, war Biologe und sprach über die Entwicklung der Menschen, und erklärte auch die Stadien des Embryos. Oberltn. Dorn hatte V 2 Raketen in Afrika erprobt und hielt einen interessanten Vortrag über „1000 km durch Afrika“. In dem inzwischen gebauten kleinen Theaterraum mit Bühne wurden Musikvorträge mit und ohne Gesang dargeboten, ja ganze Sinfonien wurden aufgeführt.

Mit Hilfe von Planierraupen wurde auch ein Fußballfeld gebaut. So konnten die Fußballfans, je nach Wetter, jeden Tag Fußball spielen. Auch Feldhandball wurde gespielt. Der Platz war eigentlich dauernd belegt.

Ende Juli wurde ich gefragt, ob ich Lust hätte, eine Kfz-Einheit mit aufzustellen. Man wolle PoW als Fahrer ausbilden und dann in einer Einheit am Flugplatz zusammen fassen. Ich sagte zu und übergab den Pigeon Yard. Täglich wurden wir von Amis per Lkw abgeholt. Sofern kein Wehrmachtsführerschein vorgelegt werden konnte, sollte die anderen einer Fahrschule unterzogen werden. Da man wußte, dass ich Auto fahren konnte, mußte ich mit dem amerikanischen Ltn. Callico hin und her und kreuz und quer mit dem Lkw 6x6 (2 ½ t) durch Reims fahren. Das Ergebnis war, dass ich sowohl einen Führerschein bekam als auch als Fahrlehrer fungieren durfte. Das Aufstellen eines Motorpools (Werkstatt), der Tankanlagen, des Ersatzteillagers usw. wurde von zwei Feldwebeln, die schon bei der Wehrmacht Schirrmeister gewesen waren, besorgt. Bei den Fahrschulfahrten wurde beim Üben des Rückwärtsfahrens bewußt gegen die Chausseebäume gestoßen. Es waren Apfelbäume für Frühäpfel, die beim Stoß auf die Ladefläche fielen. So haben wir uns mit frischem Obst versorgt.


Reims Lager 28
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