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Die waffenlose Zeit als Soldat
Kapitel 4
Reims, Lager 28
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Außerhalb des Lagers befanden sich der Motorpool, die Verwaltungsbaracke und der Parkplatz für die 100 Lkw unter Bäumen. Das Gelände lag aber innerhalb des Flugplatzgeländes, auf das man nur durch Wachen gelangen konnte. Deswegen konnten wir uns bedingt frei auf dem Flugplatz bewegen.
Trotz der Umsiedlung von der Rue de Nice zum Flugplatz klappte die Postversorgung reibungslos. Wir bekamen regelmäßig Post und konnten unbeschränkt schreiben. Wir erhielten auch neue Erkennungsmarken, auf denen statt PW 2 nunmehr PW 28 stand. (Beide Marken habe ich heute noch).
Nachdem wir die Fahrzeuge übernommen hatten, stellte sich bald heraus, dass die meisten „alte Gurken“ und sehr reparaturanfällig waren. Wir wußten, dass in Richtung Rethel in Bazancourt an der Suippe ein großes Lager mit neuen Lkw war. Die Fahrzeuge waren mittels Nummern auf der Motorhaube registriert. Damit wir umtauschen konnten, lösten wir die Motorhauben so, dass sie sofort abgenommen werden konnten. Mit dem Arbeitskommando in Bazancourt war besprochen, dass sie die neuen Lkw entsprechend vorbereiteten. Hierfür versorgten wir sie dann mit gewünschten Waren. Es fuhren einige alte Lkw nach Bezancourt, die Hauben wurde ausgetauscht und man kam mit neuen Lkw wieder ins Lager. Das ging solange, bis alle Fahrzeuge „erneuert“ waren.
Bei den täglichen Fahreinsätzen sollten uns eigentlich Schwarze als Wachen begleiten. Man merkte wohl, dass das nicht wirtschaftlich sei. Wir wurden gefragt, ob die Wachen entfallen könnte oder ob dann mit Fluchtversuchen zu rechnen sei. Da die Lage in der Heimat ja viel schlechter war, als bei uns, erklärten wir, dass mit Fluchtversuchen wohl nicht zu rechnen sei. So fielen die Wachen weg und wir hatten freie Fahrt, was von einigen Landsern dahingehend ausgenutzt wurden, dass sie im gewissen Rahmen „Privatgeschäfte“ machten. Die Bewachungen allgemein waren so gelockert worden, dass Landser in den deutlich mit PW gekennzeichneten Uniformen frei in Reims spazieren gingen. Weder MP noch Franzosen kümmerten sich um sie. Am Abend waren sie alle wieder im Lager. In der Stadt befanden sich noch 4 Lager bei den Docks, deren PoW auch frei umhergehen konnten. Wir fuhren gelegentlich abends mit den Jeeps durch Reims und kehrten in Gaststätten ein. Dafür hatte ich eine amerikanische Uniform.
Die „Privatgeschäfte“ gingen soweit, dass sich viele Rundfunkgeräte kauften. So hatte jedes Nische im der Baracke ein Radio und es war ein entsprechendes Durcheinander der Sendungen. Den Amis wurde das zu viel und sie drohten mit einer Razzia und Beschlagnahme der Geräte. Sie gaben jedem eine Frist. Wer ein Rundfunkgerät besaß mußte von dem „Schenker“ eine Bescheinigung mit Angabe der Marke und des Typs haben. Es war einerlei, ob der „Schenker“ ein Ami oder Franzose war. Da einige zwei Geräte hatten, holten die sich Amis, sagte zu ihnen: „Wenn Du mir bescheinigst, dass Du mir diesen (großen) Apparat geschenkt hast, dann schenke ich Dir diesen (kleinen)“. Manche Amis stellten einem die Bescheinigung auch so aus, wenn man sie gut kannte. So hatten alle Radiobesitzer eine Bescheinigung. Als die Razzia stattfand, verlief sie im Sande.
Neben dem Lager 2 wurde inzwischen das Lager 15 aufgebaut. Es erhielt auch ein großes Theater mit ansteigenden Sitzreihen, einem Orchestergraben und einer großen, gut ausgeleuchteten Bühne. Im August war es fertig. Eines Abends fuhren wir mit ca. 100 Mann auf mehreren Lkw ins Theater. Ich hatte die Amiuniform an und begleitete Ltr. Maibaum. Als wir zu den reservierten Reihen gingen, tippte mich ein schon sitzender PoW an die Hüfte und sagte: „Bist Du nicht Dose aus Mölln“. Ich drehte mich um und sah den Friseur Wegner aus der Hauptstraße. Wir haben uns nur kurz unterhalten. Er schrieb seinen Eltern über die Begegnung. Die setzten sich sofort mit meiner Mutter in Verbindung, die aber auch schon informiert war.
Als die Heizperiode Ende September begann, hatte der Zeltmann Pech. Beim Entzünden des Benzinofens war wohl Benzin ausgelaufen gewesen. Jedenfalls unsere ganze Baracke brannte lichterloh. Die Lager- und Flugplatzfeuerwehr kam zum Löschen. Es wurde nur das Kopfende mit der Unterkunft von Ltn. Maibaum gerettet. Wir anderen hatte alles verloren.
Beim Brand konnte man sehen, was die Landser so in den Zwischenräumen der Wände versteckt hatten. Nur was wir auf dem Leibe trugen, war gerettet. Ich zog bei Ltn. Maibaum ein, die anderen wurden auf andere Quartiere verteilt. Nun wurden erst die verkohlten Stangen beseitigt und neue Buchenknüppel gebracht. Das Gerippe der Baracke stand bald. Teerpappe, braune Pappe und Fenster wurden eingebaut bzw. angebracht, die Öfen installiert, Betten, Tische und Bänke diesmal auch angeliefert, so dass wir nach einer guten Woche wieder einziehen konnten. Was wir an neuer Bekleidung, Unterwäsche und sonstigen Ausrüstungsgegenständen benötigten, wurde geliefert und der Fahrdienst in der Zeit mit halber Kraft gefahren.
Bei den Fahrten durch die Stadt konnten wir auch die Bevölkerung beobachten. So ist mir mehrfach aufgefallen, dass am Ufer der Aisne bei einer bestimmten Uhrzeit, bei der Glocken läuteten, Mönche auf der Straße auf die Knie fielen und beteten. Da sie immer einen Regenschirm dabei hatten, nannte wir diese Mönche „Fallschirmjäger“.
Mit der üblichen Büroarbeit, dem Ausstellen der Fahrbefehle, der Einteilung der Fahrzeuge für den Einsatz bzw. Inspektionen, Beschaffung von Betriebsmitteln für die Fahrzeuge und Werkstatt, ging die Zeit hin und es wurde kälter. So kam das Weihnachtsfest 1945, für viele schon das zweite hinter Stacheldraht, immer näher. Die Lagerküche machte Überstunden, sie backte Kuchen, Kleingebäck, Stollen und bereitete dem Lager zum Heiligen Abend und zu den beiden Feiertagen ein üppiges Festessen. Wir hatten alles im Überfluß, nur Alkohol in Form von Bier oder Wein gab es nicht, es sei denn, dass ein Ami mal eine Flasche mitbrachte und bei uns „vergaß“. Während der Feiertage mußten wir nicht fahren. Zwischen Weihnachten und Neujahr war es bitterkalt, so dass die in den Tagen eingesetzten Fahrer darüber klagten, dass es im Führerhaus zu kalt sei. Die Fahrzeuge hatten keine Heizung und die Bedachung bestand nur aus Planen. Auch fror die Windschutzscheibe bei der Fahrt ein. Man mußte dann halten, die aufsteigende Motorwärme taute die Scheibe wieder auf. Dann konnte man ca. 2 km fahren und das Spiel fing von vorne an.
Gleich nach Neujahr sollte im Lager eine neue Latrinengrube ausgehoben
werden. Dafür hatte man schon vor den Feiertagen eine große
Planierraupe hingefahren und die ersten Ausschiebungen gemacht. Nach Neujahr
war die Raupe eingefroren. Trotz erheblichen Bemühungen gelang es
nicht, den schweren Motor zu starten. Die Gleisketten waren auch in der
nassen Erde eingefroren. So blieb alles stehen, bis endlich Ende Januar
Tauwetter einsetzte.
Mitte Februar konnte man in den französischen Zeitungen lesen,
dass es Dank der deutschen Kriegsgefangenen gelungen sei, die französische
Bevölkerung ausreichend mit Bekleidung zu versorgen. Unsere Einheit
hatte auch einen gewissen Anteil daran.
Völlig unvorbereitet kam Ende Februar die Nachricht, dass wir
unsere Fahrzeuge an eine Schwarzeneinheit abgeben müssten und wir
nach Paris zur Aufstellung einer neuen Kfz-Einheit kämen. Traurig
übergaben wir die Kompanien an die Schwarzen. Hatten wir doch in mühsamer
Arbeit alle Fahrzeuge „erneuert“. Wir packten unsere Sachen in die Seesäcke
so, dass wir sehr kurzzeitig aufbrechen konnten.
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