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Die waffenlose Zeit als Soldat

Kapitel 5

Paris, Isle St. Germain


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Am 28. Februar 1946 kamen Sattelschlepper und wir mußten mit jeweils 50 Mann aufsteigen und es ging bei noch kaltem, aber frostfreien Wetter vom Flugplatz durch Reims, über Dormans, Château-Thierry, la Ferté, Meaux nach Paris. Wir fuhren auch über den Champs Elisée und um den Triumphbogen herum zur Seineinsel St. Germain. Wir zogen hier in ehemaligen Lagergebäude ein, mußten deshalb in den großen Lagerräumen schlafen. Nach unserer Ankunft waren ca. 600 PoW im Lager. Der amerikanische Lagerkommandant war Captain Edward J. Krawczyk.

Der weiße Cursorpfeil zeigt auf den Teil der Insel St. Germain, auf dem das Lager mit dem HQAGRC war.

Nachdem wir uns in den großen Räumen mit den doppelstöckigen Betten eingerichtet hatten, erfuhren wir, dass die Aufstellung einer neuen Kfz-Einheit nicht erfolgen würde und wir statt dessen in den verschiedenen Abteilungen und Sektionen im Headquarter of the American Grave Registration Command arbeiten sollten. Als wir ankamen, bestand schon seit einiger Zeit ein Kfz-Einheit. So kam ich in das Main Administration Office als Dolmetscher, saß mit amerikanischen Zivilistinnen und amerikanischen Soldaten zusammen. Mir gegenüber saß Miss Charlotte Challet aus Boston. Sie war die einzige der amerikanischen Zivilangestellten, die außer Englisch auch Französisch sprach, aber mit einem stark amerikanischen Akzent.

Nach den ersten Nächten hatten fast alle PoW Wanzenbisse am Körper. Die Amis rückten mit Sprühflaschen an. Der Inhalt wurde tief in die Spalten der dicken Eichenbalken gesprüht. Die Wanzen kamen scharenweise aus den Ritzen und fielen zu Boden und waren kurz darauf tot. Wir konnten sie so vom Boden fegen und fast eimerweise wegbringen. Nach zweimaliger Behandlung waren die Balken wanzenfrei.

Das Hauptquartier war auf der Spitze der Insel untergebracht. An der Stirnseite war der Eingang zur Straße, die rechts und links mit einer Brücke über die Seinearme weiter führte. Die Rückseite des HQ war mit einen Maschendrahtzaun vom französischen Teil getrennt. Neben unserer Baracke, die als Speisesaal und Theater diente, war auf der französischen Seite ein kleines Kriegsgefangenenlager mit ca. 20 Mann, die auf ihrer Bekleidung „PG“ hatten. Der Zugang zu diesem Inselteil führte über eine Brücke, die sich in der Mitte der ganzen Insel befand. Die Bewacher der PG waren recht großzügig, denn die PG konnten im Sommer frei in der Seine baden. Solche Behandlung war bei einem französischen Gefangenenlager außergewöhnlich.
 

Im HQ bekam jeder statt einer Erkennungsmarke einen Ausweis mit den entsprechenden Angaben und dem Vermerk, dass er auf Anforderung jedem amerikanischen Offizier und der Militärpolizei zu zeigen ist.


Der auf der Isle. St. Germain, Paris, France, ausgehändigte Ausweis

Anfangs war unser Lagergebäude nicht gesondert eingezäunt. Dadurch konnten wir am Sonntag frei im ganzen Gelände spazieren gehen. Das vorstehende Bild zeigt mich in unserer „Sonntagskluft“. Links in den Gaubenfenstern sehen PoW heraus. Das war die Höhe der Schlafräume. Wir gingen auch in die „Rote Kreuz Kantine“ und tranken Kaffee und aßen Schmalzgebäck, da dort keine Bezahlung verlangt wurde. Die Aufsicht hatte eine amerikanische Rote Kreuz Schwester. Für die Ausgabe von Kaffee und Kuchen waren PoW zuständig. Die Amis gingen tagsüber auch während der Arbeitszeit hin. So ist einmal ein Ami zusammen mit einem PoW dort hingegangen, ließ sich Kaffee und ein Schmalzgebäck geben und sagte auf seinen Begleiter zeigend: „Him too“. Der ausgebende Landser hat „ too = auch“ mit „two = zwei“ verwechselt und gab dem PoW zwei Schmalzgebäckstücke.

Eines Tages schlenderte ich durch die Straßen. Dabei stieß ich auf zwei Amis, die geschroteten Kaffee verbrannten. Da der Kaffee nicht mit einer Flamme verbrannte, wurde mit Schaufeln der glühende Kaffee in die Luft geworfen. Beim Herunterfallen verglühte er nach und nach. Ich fragte die Amis, warum denn der Kaffee verbrannt werden solle. Man sagte mir, dass der Kaffee beim Rösten verbrannt worden sei und sie den Kaffee so nicht trinken könnten. Ich fragte: „Warum verschenkt ihr den Kaffee nicht“? „Für Euch ist er zu schlecht und für die Franzosen noch zu gut, also verbrennen wir ihn“ war die Antwort.

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PoW Gerhard Dose in Paris                                 Der Fotograf PfC Drews

Kurze Zeit später wurde ein Zaun um das Gebäude gezogen und vor dem Haupteingang stand ein Posten. Den konnte man aber auch leicht passieren. Das Bild rechts oben zeigt den PfC Drews, der als Wache nach der Einzäunung am Haupteingang stand. Auf dem Bild rechts sieht man den Zaun.

Im Lager war ein Lothar Löffler, der ein ausgezeichnetes Französisch sprach. Er war als Soldat schon in Paris stationiert gewesen und hatte während dieser Zeit  die Französin Paulette kennengelernt. Als er nun auf die Insel kam, trafen sie sich wieder, denn Paulette arbeitete dort als Sekretärin für Englisch / Französisch. Sie sprach aber auch gut Deutsch. Die Freundschaft lebte wieder auf. Lothar, der auch Zivilbekleidung besaß, entfleuchte fast jeden Sonnabend/Sonntag durch den Draht auf den französischen Teil der Insel und konnte unbehelligt über die Brücke in die Stadt zu Paulette gelangen. Das ging sehr lange gut. Er wurde nur einmal erwischt und mußte dafür 3 Tage verschärften Arrest bei Wasser und Brot absitzen. Anschließend gingen seine Wochenendausflüge weiter.

In der Mitte des HQ befand sich ein großes Lagergebäude, in dem auch die Feuerwehr unter-gebracht war. Als Feuerwehrmänner waren Franzosen eingestellt worden. Wir im Lager hatten eine eigene Feuerwehr, die einen Sauganschluß in der Seine hatte und über eine sehr starke Motorpumpe verfügte. Eines Abends merkten Landser, dass das Gebäude mit der Feuerwehr brannte, die Flammen schlugen schon aus dem Dach. Wir legten sofort Schläuche, stellten die Pumpe an. Einige liefen zum Gebäude, denn wir wußten, dass im Gebäude einige vollbeladene Sattelschlepperanhänger ohne Motorwagen standen, die am nächsten Tag nach Deutschland fahren sollten. Die Landser starteten 2 Motorwagen, fuhren rückwärts in das Gebäude, hängten die Anhänger an und fuhren diese mit den ausgefahrenen Stützrollen heraus. So wurden die Anhänger alle gerettet.

Als die Landser mit dem Löschen begannen, hatten die Franzosen noch nicht gemerkt, dass es brannte und spielten immer noch Karten. Der Brand wurde von den PoW gelöscht und die Franzosen entlassen. Für diesen Einsatz erhielt das Lager eine außergewöhnliche Belobigung von Colonel Smith, dem HQ-Chef.

Im HQ war auch ein Ltn. Colonel Kurt Schnellenbach, der mit 17 Jahren mit seinen Eltern aus Solingen in die USA ausgewandert war. Er sprach mit uns nur deutsch und nannte uns immer „Kamerad“. Er hat sich sehr dafür eingesetzt, dass es uns im Lager an nichts mangelte. So hatten wir schon kurz nach unserer Ankunft Kinoaufführungen. Es waren zwei Tonfilmapparate vorhanden. Die konnten so aufgestellt werden, dass man den Film entweder im Speiseraum oder Draußen im Freien sehen konnte. Draußen wurde die Leinwand zwischen 2 Bäumen so aufgespannt, dass man den Film auf der Vorder- und Rückseite sehen konnte. Die PG aus der Nachbarschaft kamen mit ihren Stühlen und setzten sich zwischen dem Lagerzaun und der Uferkante zur Seine so hin, dass auch sie den Film sahen. Damit es keinen Ärger mit den Wachen gab, war das mit den Amis abgesprochen. Wir sahen viele amerikanische Filme, aber auch deutsche Beutefilme. Damit alle die Filme sehen konnten, wurden die mehrmals aufgeführt.

Ltn. Colonel Kurt Schnellenbach in Paris

Außer dem Kino gab es ein Orchester, das von dem ehemaligen Kapellmeister des Magdeburger Theaters, Herbert Gaßmann, geleitet wurde. Eine Theatergruppe unter Leitung eines Müncheners gab es ebenfalls. Sowohl die Musiker als auch die Theaterleute waren von Arbeiten in den Lagerhallen befreit. Teilweise wurden die Theaterstücke im Lager selbst geschrieben. Varieteaufführungen gab es auch. Die Musiker spielten ebenfalls bei besonderen Anlässen im Offizierskasino und hatten dafür schwarze Anzüge ohne PW-Beschriftung.

Hatte ich mich schon in Reims gewundert, dass man die Ein- und Ausgangsscheine mit dem Namen eines anderen unterschreiben durfte, so war ich in Paris noch mehr erstaunt, als mir gesagt wurde, dass ich nicht jedes Schriftstück zur Unterschrift an den betreffenden Offizier leiten, sondern dass ich mit dessen Namen unterschreiben solle. Die Unterschrift müsse nur ziemlich ähnlich sein. (Bei uns in Deutschland wäre das eine glatte Urkundenfälschung.) Es hatte für uns einen Vorteil, wie sich später zeigen sollte.

Einmal stand ich mit einem Offizier zusammen, als ein anderer Offizier vorbei ging. Der hatte immer zu kurze lange Hosen an. Ich sagte zu meinem Nachbarn: „Look, there is Mr. Highwaterpans“.Mein Nachbar fing an zu lachen und fragte, woher ich den Ausdruck hätte. Ich erklärte ihm, dass wir solche zu kurzen Hosen in Deutschland so nennen. Er sagte mir, dass in den USA dieser Ausdruck auch gebraucht würde.

Eines Tages wurden das Wachpersonal ausgetauscht. Die neuen Wachen waren äußerst nervös und fuchtelten auf den beiden zur Seine hin errichteten Wachtürmen mit den Gewehren herum. Als ein PoW sich an den Zaun zur Seine hin anlehnte, muß der eine Posten einen „Kurzschluß“ gehabt haben. Er schoß dem Landser ins Bein. Jetzt gab es einen Aufstand und es wurde gestreikt. Die noch auf den Arbeitskommandos befindlichen PoW kamen ins Lager und wir verweigerten alle kategorisch solange die Arbeit, bis der Schütze rechtskräftig verurteilt worden sei. Es gab lange Diskussionen hin und her. Wir verlangten einen Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes zu unserer Unterstützung. Der Wachposten hatte eindeutig ins Lager geschossen, was verboten war. Ltn. Col. Schnellenbach gab uns recht und bat uns, doch wieder zur Arbeit zu gehen. Er versprach die Bestrafung des Schützen vor einem Gericht und dass der nie wieder am Lager als Wache stehen würde.

Beim Motorpool standen Fahrzeuge beladen bereit, die dringend nach Deutschland fahren sollten. Wegen des Streiks weigerten sich die Landser zu fahren. Ihr amerikanische Chef., Leutnant Helfenbein, ein deutsch sprechender, rothaariger Jude, bat die Landser fast auf den Knien, dass sie fahren sollten. Er sagte: „Bitte, bitte, tut mir den Gefallen und fahrt morgen früh los. Habe ich Euch nicht immer geholfen und manches bewußt übersehen“? Es wurde beschlossen, dass die Lkw-Fahrer am nächsten Morgen losfuhren.

Für die anderen Arbeitskommandos blieb es beim Streik. Wir stellten bezüglich der Wachen Forderungen. Bisher waren die Wachen mit den Gewehren zu den Wachtürmen durchs Lager gegangen. Wir forderten nun die strenge Einhaltung der Genfer Konventionen. Es dürfe kein Amerikaner mit einer Schußwaffe ins und durch das Lager gehen. Dies wurde schriftlich zugesichert, die Zustiege zu den Wachtürmen umgebaut und die Wachen erhielten einen eindeutigen Befehl. Es durfte auf der Seineseite nur dann geschossen werden, wenn eine eindeutige Flucht vorlege und der Flüchtende bereits in der Seine sei. Ferner wurde zugesichert, dass die ins Lager gehenden amerikanischen Offiziere ihre Pistolen beim Wachposten am Eingangstor abgeben müssten. Nachdem wir alle gewünschten Zusicherungen bekommen hatte, der Unglücksschütze im Bau saß, haben wir den Streik beendet.

Das HQ hatte auch einen Kunstmaler angestellt. Der malten in Aquarell Karikaturen von den Offizieren, wie sie hinter den Schreibtischen sitzen. Von mir hat er eine Kohlezeichnung gemacht. Die Tischlerwerkstatt machte dazu einen Rahmen und einen Versandkasten. Gut eingepackt habe ich das Bild von Paris per Paket nach Hause geschickt.

Es muß noch ein Wort zur Küche gesagt werden. Die Köche und Bäcker gaben sich die größte Mühe, uns bestens zu versorgen. So bekam jeder jeden Sonntagmorgen einen kleinen Stollen oder ein Rosinenbrot. Die Morgensuppe mit den Ceralien oder Keksen wurde auch abwechslungsreich gestaltet. Zum Mittag gab es nicht nur Suppe, sondern auch Braten, Kartoffeln und Gemüse, das aus Dosen genommen wurde. Oft gab es auch Pfannkuchen mit Ananas als Nachtisch. Kaffee stand grundsätzlich zur Verfügung. Zigaretten und andere Rauchwaren waren reichlich da.

Anfang Oktober erhielt ich die Nachricht, dass Großmutter Stahl am 28. September gestorben und sie in Großenaspe im Familiengrab beigesetzt worden sei. Sie hatte meiner Mutter kurz vorher gesagt, dass sie noch eine Flasche Sekt habe, die sie zu meiner Heimkehr aufbewahrt habe. Meine Mutter hat die Flasche an sich genommen und aufbewahrt.

So gingen der Sommer und der Herbst vorüber. Mitte Oktober gab es das Gerücht, dass wir wieder Lkw bekommen und nach Deutschland zum Ernteeinsatz fahren sollen. In der letzten Oktoberwoche wurde das Gerücht wahr, wir wurden nach Fontainbleau gefahren, wo wir die Fahrzeuge für 2 Kompanien übernahmen. Außer den Einsatzfahrzeugen hatten wir auch je Kompanie 2 Küchenwagen, je einen Wagen für die Nahrungsmittel für warme Verpflegung, einen Lkw mit einem Stromgenerator für elektrisches Licht und einen Wagen für einen Sanitäter. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass wir so ausgerüstet würden, als wenn wir jeden Tag woanders sein und als „fliegende Einheit“ keinen festen Standort haben würden.

Zurück auf der Insel, stellten wir die Wagen auf den großen Platz vor dem Lager ab. Die Mechaniker sahen die Fahrzeuge durch. Da wir leer fahren sollten, verluden wir, soweit als möglich, die Jeeps und die Anhänger auf die Lkw. Es kam von außerhalb ein Tankwagen, die Fahrzeuge wurden randvoll betankt und am 1. November 1946 hieß es: „Abfahrt nach Deutschland“.


Fahrt nach Deutschland
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