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Die waffenlose Zeit als Soldat

Kapitel 7

Nürnberg und die Entlassung


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Am 7. November 1946 fuhren wir bei kaltem, aber noch frostfreiem Wetter nach Nürnberg, wo uns am Ende der Autobahn MP empfing und zum neuen Lager geleitete. Die angebliche Vorbereitung war die, dass wir in ein Lager kamen, in dem vorher thyphuskranke, russische Kriegsgefangene untergebracht waren. Die Baracken standen seit der Repatriierung der Russen leer. Die russischen Schilder waren noch vorhanden. Man hatte zwar die Baracken desinfiziert, die Anschlüsse an die städtische Stromversorgung, die Wasserleitung und das Abwassersystem in Stand gesetzt, aber sonst mußten wir erst für die Einrichtungen sorgen. Als Lagerkommandanten hatten wir einen Captain Stoutamire, der noch Sergeanten zur Seite hatte.

Für das Herrichten der Unterkunft, das Einrichtung des Motorpools und der Betankungsanlage, der Küche, der Friseurstube und des Sanitätsraumes standen uns eine Woche zur Verfügung. In einer Baracke war die Office, in der auch die Amis mit saßen. Eine Baracke war für die Küche, den Eßraum, den Sanitätsraum und den Friseur vorgesehen. Geschlafen haben wir in zwei großen Baracken. Die teils in den Räumen stehenden Kanonenöfen wurde durch Benzinöfen ersetzt. Hierfür wurden die Zuleitungen von draußen nach drinnen verlegt. So konnten wir die Benzinkanister draußen aufhängen und tauschen, ohne dass der Bezingeruch im Raum war und der Ofen ausgemacht werden mußte. Eine Latrine war vorhanden und hatte Wasserspülung, die nach einer gewissen Zeit automatisch alles wegspülte.

Da abends allgemeine Stromsperre war, stellten wir unseren Generator da auf, wo die Freileitung ins Lager führte. Es stellte sich aber schon am ersten Abend heraus, dass der Generator zu schwach war. Er reichte, um die Glühlampen für die Anhängerbeleuchtung zu speisen, aber für die ganzen Baracken war er viel zu schwach. Die Birnen glühten leicht, gaben aber kaum Licht. So wurde ein wesentlich stärkerer Generator beschafft, aufgestellt, angeschlossen und siehe da, alles strahlte im hellsten Licht. Der Generator war so geschaltet, dass er automatisch ansprang, wenn die Freileitung ohne Strom war.

In den ersten Tagen versuchten wir auch unsere Brotversorgung zu ändern. Wir wollten statt des kastenförmigen Weißbrotes lieber deutsches Misch– und Schwarzbrot haben. Die Amis waren einverstanden. Wir fanden in der Nähe einen Bäcker. Dem lieferten wir Weizenmehl, Backzutaten und Kohle für den Backofen, er lieferte das Roggenmehl und die fertigen Brote und für Sonntags auch Rosinenbrote. Die Bezahlung erfolgte mittels reichlichem Mehl und Kohle. Wir brachten die Zutaten und holten die Brote.

Die ärztliche Versorgung sollte über unseren Sani und das amerikanische Lazarett erfolgen. Der Sani sollte die Kranken ins Lazarett zur Untersuchung fahren. Soviel ich erinnere, ist in den vier Monaten keiner so krank geworden, dass er ins Lazarett mußte. Der Sani konnte die Unpäßlichkeiten mit seinen Kenntnissen und Mitteln behandeln.

Anders sah es beim Zahnarzt aus. Wir wußten, dass die amerikanischen Militärzahnärzte nicht bohrten und plombierten, sondern den Zahn zog. Das wollten wir vermeiden, setzten uns deshalb mit einem deutschen Zahnarzt in Verbindung. Er erklärte sich bereit, uns gegen Bezahlung in Form von Behandlungsmaterial oder Rauchwaren zu behandeln. Mit Einverständnis der Amis bekamen wir alles über den Sani beschafft, was wir benötigten, sogar Zahngold für Brücken.

Schon in den ersten Tagen stellten wir fest, dass die Polenposten am Lagertor nicht über uns informiert waren und auch nicht wußten, wie sie uns zu behandeln hätten. Da wir alle den Ausweis aus Paris hatten, zeigten wir den einfach vor und gingen durch das Tor z. B. zu Tanzveranstaltungen in den nahegelegenen Vorort von Nürnberg. Einige waren so frech und fuhren mit dem Auto nach Nürnberg rein. Dabei kamen sie einmal in eine Razzia der deutschen Polizei, zeigten denen auch den Ausweis aus Paris und wiesen auf den am unteren Rand stehenden deutschen Text hin. Dort stand, dass der Ausweis auf Verlangen jedem amerikanischen Offizier und der MP zu zeigen sei. Die PoW verwiesen darauf, dass die deutsche Polizei nicht erwähnt sei und sie somit keine Befugnis hätten, uns zu kontrollieren. Das ging mehrere Male gut, selbst bei Kontrollen durch die MP. Wir sprachen mit Captain Stoutamire, erzählten ihm unsere Erlebnisse, und fragten, ob wir nicht offiziell Ausgang haben könnten. Wir würden ja nicht gesondert auffallen, denn wir hatte alle Zivilanzüge aus Paris mitgebracht. Er war sich nicht sicher, ob er das so von sich aus erlauben könne und wollte mit mir und noch einem anderen PoW zum Enclave-Commander fahren und die Angelegenheit besprechen.

Ins Gebäude kamen wir ohne Problem, zum Enclave-Commander ebenfalls. Unser Erstaunen setzte aber dann ein. Man hatte dort noch keine Information darüber, dass in Nürnberg 150 Kriegsgefangene seien und in Langwasser im Lager. Nachdem wir unseren Bericht gegeben und unsere Bitte vorgetragen hatten, fing ein großes Palaver an. Man wälzte Vorschriften, die Genfer Konvention wurde durchgesehen und Überlegungen wurden angestellt. Das Ergebnis war, dass man die MP über die Anwesenheit von PoW informierte und unsere Bitte abgeschlagen wurde. Auf der Rückfahrt zum Lager meinte Capt. Stoutamire, wir hätten lieber nicht hingehen sollen, denn nun hätten wir schlafende Hunde geweckt. Er sagte, im Lager wollte er nichts ändern, aber wir sollten vorsichtig sein, wenn wir ausgingen und nach Möglichkeit die Innenstadt meiden.

In der Zwischenzeit war der Fahrbetrieb voll aufgenommen worden. Die Fahrzeuge mußten in der Umgebung zu den Bauern fahren, dort die Nahrungsmittel abholen und zum Zentralmarkt in Nürnberg bringen. So war ich einmal für ca. 100 kg Kartoffeln und 50 kg Gemüse nach Rothenburg o. d. Tauber gefahren. Die Bauersleute waren gerade beim Mittagessen, als ich ankam. Sie forderten mich auf, mit zu essen und fragten dann nach dem Leben im Lager und unserer Verpflegung. Ich hielt mich damit zurück, denn ich hatte gesehen, dass unsere Lagerverpflegung besser war, als die des Bauern.

Man hatte den Fahrern je Fahrzeug einen Polenposten zugeteilt, der auf dem Beifahrersitz saß. Da die kaum deutsch und wir nicht polnisch konnten, war keine Unterhaltung möglich. Außerdem hatte inzwischen der Frost mit erheblicher Stärke eingesetzt und es lag Schnee. Das Fahren machte wegen der fehlenden Heizung im Lkw keine Freude. Zudem meinten die Polen, die an den Armaturenbretter befindlichen Hebel und Schalter durchprobieren zu müssen und drückten während der Fahrt auf den Anlasserknopf, so dass es am Schwungrad krachte. Wir beschwerten uns beim Capt. und sagten, dass wir nicht noch während des Fahrens Kindermädchen für die Polen spielen könnten. Er solle dafür sorgen, dass wir ohne Polen fahren könnten, andernfalls würden wir nicht mehr fahren. Denn wir würden ja zur Verantwortung gezogen, wenn die Polen mit ihren Spielereien etwas kaputt machen würden. Er konnte das mit einem Telefonanruf beim Enclave-Commander klären und wir fuhren ohne Posten.

Anfang Dezember berichtete ein PoW, dass seine Schwester von Bayreuth aus umziehen müsse. Eine neue Wohnung hätte sie, aber sie könne keinen Möbeltransporteur bekommen. Wir versahen zwei Lkw mit Spriegel und Planen, stellten die erforderlichen Fahrbefehle und gaben die Marschverpflegung aus. Nach 2 Tagen kamen die beiden Lkw wieder und der Umzug war erledigt.

Als wir die Lkw in Fonteinbleau übernommen haben, war im Kühlwasser kein Frostschutzmittel. Da trotz erheblichen Bemühungen kein Frostschutzmittel aufzutreiben war, mußten wir jeden Abend das Kühlwasser aus den Motoren lassen und am nächsten Morgen wieder warmes Wasser einfüllen, nachdem die Motoren liefen. Wegen des strengen Frostes wurde es immer schwieriger die Motoren morgens anzulassen. Die Batterien gaben einfach nicht genügend her. Sie wurden schwach bevor der Motor ansprang. So stellten wir einen Jeep auf den geheizten Flur der Baracke. Damit hatten wir ein Fahrzeug, das gestartet werden konnte. Damit zogen wir den ersten Lkw an, füllten nach dem Anspringen das auf den Öfen angewärmte Wasser in den Kühler. nun hatten wir zwei Fahrzeuge zum Anziehen. So ging es weiter, bis alle Motoren liefen und das Kühlwasser aufgefüllt war.

Die Wasserversorgung für die Baracken war außerhalb. Damit uns das Wasser nicht einfröre, mußten wir permanent das Wasser laufen lassen. Dadurch entstand beim Wasserhahn eine immer dicker werdende Eisschicht, die von Zeit zu Zeit weggeschlagen werden mußte. Wir hätten sonst nicht mehr unsere Wasserkannen unter den Hahn bekommen.

Wir konnten schnell feststellen, dass die Verpflegung der Zivilbevölkerung nicht besonders gut war. So packten wir im Lager Pakete mit Nahrungsmitteln aller Art und schickten die nach Hause. Jede Woche fuhren 2 mal Lkw mit Paketen zur Post, die dann unfrei nach Hause gingen. Wir hatten einen Tischler kennen gelernt, der sich bereit erklärte, unsere Post zu empfangen und an uns weiter zu leiten. Wir schrieben über die Reichspost mehr, als über die Gefangenenpost, weil diese viel länger dauerte und zudem noch zensiert wurde.

Wir selber hatten es in den Räumen schön warm, hatte gutes und ausreichendes Essen und gingen am Wochenende zum Tanzen. Wir waren froh, dass viele von uns von Reims her noch Pelzjacken und Pelzmützen hatten. So kam Weihnachten näher. Nachdem wir erfuhren, dass wir über Weihnachten bis Anfang Januar 47 nicht fahren mußten, fragte ich den Capt. ob wir nicht über Weihnachten nach Hause fahren könnten. Bevor er eine Zusage machen könne, sagte er, wolle er sich beim Enclave-Commander rückversichern. Ich erinnerte an die Erfahrung von Mitte November. trotzdem fuhren wir hin und holte uns prompt eine Absage. Am Abend bat er alle in den Speiseraum und erklärte, dass wir leider keine offizielle Genehmigung für einen Weihnachtsurlaub bekommen hätten, wobei er das "offizielle" besonders betonte. Nachdem ich seine Worte übersetzt hatte, fügte ich hinzu, dass jeder, der nach Hause fahren wolle, in der kommenden Nacht ins Office kommen könne. Er würde von mir Papiere erhalten, von denen ich annahm, dass man damit problemlos durch Deutschland, also durch alle 4 Besatzungszonen fahren könne. So mußte ich in den kommenden Nächten für die meisten diese Ausweispapiere machen. Auf den Ausweisen war die linken Spalte in deutsch, die rechten Spalte in englisch aufgeführt. Der Kopf enthielt eine Phantasieeinheit. Unter waren die Unterschriften von dem Inhaber, unser Dienststempel und eine Unterschrift eines imaginären Offiziers, die ich macht. Statt eines Paßbildes wurde der Abdruck des rechten Daumen genommen.

Nicht alle PoW konnten nach Hause fahren, da einige aus den Ostgebieten stammten und noch keinen Kontakt mit den Angehörigen hatten. Diese hatten sich teilweise beim Tanzen mit den Mädchen vom Vorort angefreundet. Als nun Weihnachten vor der Tür stand, die meisten nach Hause fahren wollten, konnten diese PoW wenigstens in den Familien der Mädchen mitfeiern. Hierfür brachten wir vorher genügend Verpflegung zu den Familien.

Um uns Fahrkarten in Nürnberg am Bahnhof kaufen zu können, wurde kanisterweise Benzin verkauft, auch Lkw-Reifen mußten herhalten. Da wir keine Wachen hatten, konnten wir uns auch auf dem Bahnhof nach den Zugverbindungen erkundigen.

Um die Amis und auch die Polen nicht auf die langsam einsetzende Leerung des Lagers aufmerksam zu machen, wurde der Zaun so präpariert, dass wir gut hindurchschlüpfen konnten, der Außen gehende Wachposten dieses Loch aber kaum erkennen konnte. Am Freitag, den 20. Dezember 1946, war der letzte Einsatztag vor Weihnachten und das Fahren sollte erst wieder am Dienstag, den 7. 1. 47 aufgenommen werden. Wir waren 4 Mann, die mit demselben Zug nach Norden in die britische Zone wollten. Nachdem die Fahrzeuge betankt, die Kühlwasser abgelassen worden waren, machten wir uns "urlaubsfein", zogen unsere Zivilkleidung an, schlüpften durch den Zaun, gingen zur Straßenbahn, fuhren zum Bahnhof, lösten unsere Fahrkarten, ich die nach Hamburg, und gingen auf den Bahnsteig zum Zug nach Ansbach. Wir hatten angenommen, dass das etwas komplizierter sein würde, aber wir kamen ohne Kontrollen zum Zug. Der fuhr pünktlich los und kam auch pünktlich in Ansbach an. Der D-Zug München – Hamburg sollte fahrplanmäßig ca. 1 Stunde später einlaufen. Kurz nach unserer Ankunft in Ansbach erfuhren wir, dass der Zug über 6 Stunden Verspätung haben würde. Was tun, war unsere Frage. Wir wollten ja auch kein Risiko eingehen. Wir beschlossen zusammen zu bleiben und uns möglichst unauffällig zwischen den anderen Wartenden zu bewegen. So standen wir ohne Mäntel (die hatten alle ein großes PW auf den Ärmeln und dem Rücken), aber mit Pelzmütze und Pelzweste angetan auf dem Bahnhof in der Kälte und warteten auf den Zug.

Mit einer Verspätung von fast 7 Stunden lief der Zug ein. Die D–Zugwagen waren voll, voller ging es nicht mehr. Trotzdem haben die Wartenden es erreicht, dass die Leute noch enger zusammen rückten und alle konnten einsteigen. Der Zug, der nicht geheizt war, fuhr mit weiteren Halten bis Kassel. Dort mußte wegen des Sackbahnhofes die Lokomotive gewechselt werden. Der Zug wurde rangiert und kam wieder zum Bahnsteig zurück. Der Grund war, dass hinter der Lokomotive der Wagen für die Alliierten war und der gut beheizt wurde.

Es ging wieder weiter und wir kamen zur Grenzkontrollstation Eichenberg, wo die Zonen der Amerikaner, der Briten und der Sowjets zusammenstießen. Alle mußten zur Paßkontrolle aussteigen. Wir waren gespannt, ob unsere Ausweise ausreichend waren oder ob wir abgeführt würden. Nachdem wir die Kontrollen etwas beobachtet hatten, gingen wir mit unseren Papieren und dem kleinen Handgepäck mit unseren Waschutensilien und der Verpflegung zum kontrollierenden Ami, zeigten die selbstgemachten Ausweise vor. Der Ami warf nur einen kurzen Blick darauf, verzichtete auf die obligatorische Gepäckkontrolle und winkte uns durch zum Wiedereinsteigen. Wir waren sehr erleichtert, wußten wir nun, dass die Ausweise gut genug geworden waren.

Über Göttingen ging es nach Hannover, wo die anderen drei ausstiegen, weil sie nach Westfalen wollten. Ich blieb alleine im Zug, der immer mehr Verspätung bekam und schließlich statt am 21. 12. gegen 20 Uhr am 22. 12. gegen 8 Uhr in Hamburg ankam. Ich stieg um in die S-Bahn und fuhr zum Bahnhof Holstenstraße, um mit der Straßenbahn nach Langenfelde fahren. Da Sonntag war, fuhren so früh noch keine Straßenbahnen. So mußte ich trotz der Kälte zu Fuß die Kieler Straße entlang gehen und kam nach einer für mich endlos langen Zeit bei Schröders an. Ich klingelte und Onkel Willi öffnete die Tür. Bevor er mich begrüßte, drehte er sich um und sagte zum Schlafzimmer hin: "Liesel, Evi, aufstehen, Gerfried ist da". "Du willst uns wohl verkohlen und nur aus dem warmen Bett holen" war die Antwort. "Nein, ich bin tatsächlich da" war meine Antwort. Die beiden standen nun sofort auf. Ich war froh, im warmen Haus zu sein. Onkel Willi hatte schon geheizt und es war überall schön warm. Nach der Begrüßung und einem kurzen Bericht von mir gab es Frühstück. Leider konnte ich von dem was ich in Nürnberg mitgenommen hatte, nichts beisteuern, denn das hatte ich unterwegs aufgegessen.

Bevor ich in die S-Bahn gestieg war, hatte ich mich erkundigt, wie ich nach Mölln kommen könne. Ich konnte erst am Montag weiter fahren und das auch nur über Lübeck. Schlafen wollte ich nicht, denn die Zeit war jetzt viel zu kostbar. Bei der Unterhaltung erfuhr auch, wie das mit dem Ausbomben im Juli 1943 gewesen war, wie sie das Kriegsende erlebt und wie sie den ersten Winter 1945/46 überstanden hatten. Evi war bei den Briten als Zensorin für die Briefpost angestellt. Auch erfuhr ich von Tante Liesels Blutkrebs und dass der Arzt dringend Traubenzucker benötige, aber keines bekommen könne. Rauchwaren konnte man fast nur auf dem Schwarzmarkt bekommen. Auch verpflegungsmäßig waren sie schlecht dran. Onkel Willi, der als Oberstleutnant beim Genralkommando gewesen war, hatte man wegen seiner vielen Verwundungen im ersten Weltkrieg – er hatte das goldene Verwundetenabzeichen für über 10 Verwundungen – nicht in Gefangenschaft behalten, sondern schon nach wenigen Tagen entlassen. Er "arbeitet" als Buchhalter beim Nachbarn Brunckhorst, der eine kleine Maschinenbaufirma betrieb. Für die Nacht schlief ich in Evis Bett, sie zwischen ihren Eltern, alle im selben Zimmer. Da das Schlafzimmer nicht geheizt wurde, sah ich am nächsten Morgen, dass Eiskristalle an der Decke und in den oberen Teilen der Wänden waren. Da wurde mir wieder bewußt, dass ich es doch in der Gefangenschaft wesentlich besser hatte.

Die in Reims noch während des Krieges abgeschickte Post war inzwischen restlos angekommen.

Wir besprachen, dass Evi am 26. 12. nach Mölln kommen solle, wo ich sie am Bahnhof abholen werde. Am nächsten Morgen brachte Evi mich zum Bahnhof und fuhr von dort zu ihrer Dienststelle. Ich kam problemlos nach Mölln und ging durch die ganze Stadt nach Hause. Auf das Klingeln meldete sich niemand. Da ich den Haustürschlüssel durch die Gefangenschaft gerettet hatte, schloß ich die Tür zur Waschküche auf, ging hinein, schloß wieder ab und ging die Treppe hinauf in die Wohnung. In der Diele standen ein Teil der Möbel des Eßzimmers, im Eßzimmer war ein Ofen installiert und die Wohnzimmermöbel und das Büfett waren dort. Im Wohnzimmer wohnte eine Flüchtlingsfrau mit ihrer Tochter, die sie "dem Führer geschenkt" hätte, wie sie selber immer sagte. Damit die heizen konnte, hatte man eine Loch durch die Wand geschlagen und einen Ofen angeschlossen. In meinem Zimmer wohnte auch jemand. Das im Keller gelegene Gästezimmer war ebenfalls mit 2 Peronen belegt. Meine Mutter hatte noch während des Krieges in einer Ecke der Waschküche ein WC und ein Waschbecken hinter einer Holzverkleidung einbauen lassen. Das Schlafzimmer meiner Mutter war unverändert, so dass ich im zweiten Bett schlafen konnte. Die Zentralheizung lief nicht, weil es nicht genügend Kohlen gab.

Nach einiger Zeit hörte ich die Tür zur Waschküche gehen, ging an die Treppe und fragte: "Mutti"?. Sie hörte meine Stimme, sah mich, als ich die Treppe herunter kam und schrie auf und fing an zu weinen. Ich nahm sie auf meine Arme und trug sie die Treppe hinauf, legte sie auf die Couch und beruhigte sie erst einmal. Danach konnte ich ihr erklären, dass ich nicht entlassen sei, sondern, dass wir durch den Zaun geklettert wären, also schwarz auf Urlaub seien und wir unserem Captain versprochen hätten, alle wieder zu kommen. Ich müßte am 7. Januar 1947 wieder in Nürnberg sein.

Mutter hatte in der Stadt für sich zu Weihnachten eingekauft. Da sie ja nicht mit mir gerechnet hatte, meinte sie, dass sie noch mal gehen müsse, um zu versuchen, etwas zu bekommen. Ich sagte ihr, dass sie doch die Pakete von mir bekommen hätte und davon müßten wir nehmen. Sie hatte sie noch nicht angerührt, sondern im Büfett und Keller aufbewahrt. So hatten wir auch für die Tage mit Evi genügend zu essen im Hause, außer Brot. Der Bäcker gab uns in diesem besonderen Fall Brot ohne Marken.

Sie zeigte mir die Briefe, die sie in der Zwischenzeit bekommen hatte. Es waren alle Briefe angekommen, wenn auch teilweise von der Zensur geschwärzt. Sie erzählte, dass manchmal mehrere Briefe, teilweise bis zu 5 Stück, zusammen zugestellt worden waren.

Am Nachmittag war ich, nun in meinem eigenen Anzug und Wintermantel, aber mit der Wehrmachtspelzmütze auf dem Kopf, in der Stadt und traf Frau Kuhlmann, die Frau des Testamentsvollstreckers von Großvater Stahl. Die meinte, dass es doch schön sei, dass ich gerade zu Weihnachten entlassen worden sei. Ich erklärte ihr, dass ich wieder zurück müsse, nur "schwarz" auf Urlaub bin.

Herr Meinert, ein beinamputierter ehemaliger Soldat, der noch im Lazarett in Mölln lag, hatte einen kleinen Tannenbaum für meine Mutter organisiert, den sie mit etwas Baumschmuck dekoriert und auf das Büfett gestellt hatte. Sie hatte auch noch ein paar Kerzenstummel. So haben wir die Weihnachtstage bei Kälte, aber ohne Schnee, verlebt. Für mich war es nach zwei Weihnachten in Reims und nach 1943 das erste Weihnachten wieder zu Hause. Meine Mutter weinte am Heiligen Abend, denn sie vermißte natürlich meinen Bruder, der nun schon das vierte Weihnachtsfest weit weg von uns bei Leningrad unter fremder Erde ruhte.

Am 26. 12. ging ich zum Bahnhof und holte Evi ab. Auf dem Weg nach Hause erzählte sie mir, dass es wegen des Urlaubes keine Probleme gegeben habe und der britischer Chef, ein Captain, ihr so lange frei gab, bis ich wieder abfahren mußte, ohne dass diese Tage auf den Urlaub angerechnet werden sollten.

Wir verbrachten die Tage bis Sylvester in Ruhe, machten Spaziergänge, Besuche bei Bekannten und freuten uns, dass wir gesund beisammen sein konnten. Sylvester holte meine Mutter kurz vor Mitternacht die von Großmutter Stahl stammende Flasche Sekt hervor, den sie vorher heimlich auf dem Balkon beim Schlafzimmer kalt gestellt hatte. Mit einem Glas Sekt um Mitternacht haben Evi und ich uns dann verlobt. (Die Verlobung mit Evi Schröder wurde im beidseitigen Einverständnis im Spätsommer gelöst. Sie wollte nicht nach Mölln und ich nicht nach Hamburg).

Am Sonnabend den 4. Januar 1947 fuhren wir nach Hamburg, wo wir abends bei Schröders noch einmal etwas feierten. Meine Mutter hatte uns gebeten, am Sonntag doch Besuch bei Prof. Mau und Oberst Danner, der nach dem Krieg Polizeisenator geworden war, zu machen. Bei beiden wurden wir herzlich aufgenommen. Wir besuchten außerdem auch noch Bekannte von Evi und besorgten auch noch die Fahrkarte zurück nach Nürnberg.

Am Montag, dem 6. 1., ging mein Zug gegen 10 Uhr vom Hamburger Hauptbahnhof. Den Abschied zögerten wir sehr lange hinaus. Ich bekam die Straßenbahn und kam auf dem Bahnsteig an, als der einige Minuten verspätete Zug einlief. Ich suchte einen Wagen zum Einsteigen, aber alle waren voll. So versuchte ich es beim Wagen für die Alliierten. Ein amerikanischer Corporal überwachte das Einsteigen. Uniformierte konnten ungehindert passieren, aber bei Zivilisten verlangte er den Ausweis. Die vor mir versuchten, in den Wagen zu kommen, wurden abgewiesen. Ich zeigte meinen Ausweis mit Führerschein vor und konnte einsteigen. Ich setzte mich vorsichtshalber nicht in ein Abteil, sondern stand bei dem Corporal, hatte Platz und es war schön warm.

Während der Fahrt unterhielten wir uns. Dabei sagte er mir, dass er nur den amerikanischen Führerschein erkannt habe und damit wußte, dass ich für die Amis arbeiten würde. Ich klärte ihn im Laufe der Fahrt auf, dass ich PoW sei und wir über Weihnachten heimlich auf Urlaub gefahren seien und uns die Papiere selber gemacht hätten. Er fand das clever. Er besorgte auch zu essen und zu Trinken für mich. In Eichenberg bei der Kontrolle ging ich aber nach draußen, ließ mein Gepäck bei ihm, und kam ganz schnell wieder. Auch diesmal war die Kontrolle problemlos verlaufen. In Kassel, als der Wagen umrangiert wurde, besorgte er wieder etwas zu essen und kam auch mit Zigaretten an. In Ansbach kamen wir fast pünktlich an und ich bekam gleich den Anschlußzug nach Nürnberg. Mit der Straßenbahn fuhr ich nach Langwasser, ging zum Lagertor und sagte den Polenposten, dass ich von der katholischen Kirche käme. So kam ich wieder ins Lager, wo schon die meisten "Urlauber" wieder angekommen waren. Die letzten trafen am 7. 1. ein.

Wir wollten nun wissen, wie die einzelnen "Reisenden" durchgekommen waren. Es stellte sich heraus, dass keiner ein Problem mit den Ausweisen hatte, ja einige sogar in die sowjetisch besetzte Zone gefahren waren. Die Russen hatten die Papiere wohl wegen des echten Stempels anerkannt. Einer hatte es gewagt, auf Rathaus zu gehen und sich damit Lebensmittelmarken zu holen. Ein anderer hat sich an hand unseres Ausweises einen deutschen Personalausweis besorgt. Als Resümee konnten wir feststellen, dass die "Urlaubsaktion" ein voller Erfolg war.

Captain Stoutamire, der geahnt und dann gemerkt hatte, dass wir fahren würden, war froh, dass alle wieder da waren, und fragte nach unseren Eindrücken zu Hause. Wir berichteten übereinstimmend, dass die Verpflegung sehr schlecht und dass auch viel zu wenig Heizmaterial vorhanden sei. Er meinte dazu, dass wir doch etwas dagegen tun könnten. Das war für uns die Aufforderung, noch mehr Pakete zu schicken. Die Anforderungen für die Lagerversorgung wurden entsprechend, aber vorsichtig erhöht. Fast täglich fuhr ein Lkw die Pakete zur Post. Wir verbrachten die Abende damit, dass wir Pakete packten. Da es auch kein Klopapier zu Hause gab, habe ich einen ganzen Karton mit 144 Rollen nach Hause geschickt. Als der Postbote das Paket meiner Mutter brachte, bat er sie, nachzusehen, ob das Paket bestohlen worden sei, denn es wäre viel leichter als die, die er fast täglich brachte. Sie öffnete die Verpackung und erkannte die Ursache. Der Postbote zog erleichtert ab. Ich packte nicht nur Pakete an meine Mutter, sondern auch an Schröders in Hamburg, die nun auch mehrmals in der Woche Pakete mit Ceralien, Milchpulver, Eipulver und anderen Lebensmitteln bekamen.

Der Fahreinsatz verlief reibungslos. Trotz des vielen Schnees und der Kälte hatten wir keine Unfälle gehabt. Lediglich das Problem mit dem Kühlwasser bestand immer noch. Jeden Morgen dasselbe Theater, wie schon vor Weihnachten. Bei einigen Lkw muß beim Ablassen des Kühlwassers Restmengen im Motor geblieben sein. Nachdem die Motoren liefen und wie immer das vorgewärmte Wasser in den Kühler gegossen worden war, strömten plötzlich bei den Motoren das Wasser seitlich beim Motorblock heraus. Der Block war durch das gefrorene Wasser geplatzt. Die Lkw fuhren wieder auf den Standplatz zurück, das restliche Wasser wurde abgelassen. Bei einigen anderen Lkw waren Achsenbrüche eingetreten, als sie im Wald zum Holzholen über Baumstämme fahren mußten. Die Mechaniker im Motorpool ersetzten z. B. die Achsen aus den Lkw mit den kaputten Motoren. Die "Schrottfahrzeuge" wurden nach Kitzingen in Depot geschleppt.

So ging der Januar dem Ende entgegen. Ich kam auf den Gedanken, zum Geburtstag meiner Mutter am 4. Februar nach Hause zu fahren. Ich sprach mit einem Zimmerkollegen, der sofort sagte, dass er mit mir fahren, aber wieder in Hannover nach Lemgo umsteigen würde. Dem Sani hatte ich gesagt, dass meine Schwiegermutter dringendst Traubenzucker benötige und ob er nicht davon besorgen könne. Schon am nächsten Tag brachte er mir eine Flasche mit 1 Liter Traubenzucker.

Wir machten wieder die Ausweise, Urlaubsscheine mit Berechtigung zum Empfang von Lebensmittelkarten, Erlaubnisscheine zur Benutzung des alliierten Wagens und eine Bescheinigung, dass wir autorisiert seien, die mitgeführten PX- Rationen (Rauchwaren) und Medikament zu besitzen. Einen Tag vorher besorgten wir uns schon die Fahrkarten. Am 1. 2. zogen wir unsere Zivilsachen an, darüber unsere Arbeitskombi und ließen uns vom Sani zum Zahnarzt fahren. Beim Zahnarzt, der informiert war, zogen wir unsere Kombi aus und deponierten sie bis zur Rückkehr, fuhren zum Bahnhof. Diesmal war eine Ausweiskontrolle an den Sperren. Wir zeigten unseren Ausweis vor und konnten unbehelligt passieren. Wir setzten uns in den Zug nach Ansbach. Dort mußten wir nur kurz warten und konnten in den pünktlich fahrenden D-Zug einsteigen. Unsere Papiere waren wieder so gut, dass wir unbehelligt in den Wagen für die Alliierten kamen und auch einen Sitzplatz bekamen. Selbst in Eichenberg mußten wir nicht aussteigen. Die kontrollierenden Constabler warfen nur einen kurzen Blick auf Ausweis, Führerschein und Wagenbenutzungserlaubnis und ließen uns unbehelligt. In Hannover stieg mein Mitfahrender aus. Wir hatten abgesprochen, wann wir wieder zurückfahren und uns in Hannover wieder treffen wollten. Ich war im Abteil alleine, als ein englischer Oberst einstieg und meinte, sich mit mir unterhalten zu müssen. Kurz vor Hamburg meinte er dann, dass ich wegen meiner Aussprache wohl Amerikaner sei. Ich überhörte die Frage.

Der Zug kam pünktlich am 2. 2. gegen 18 Uhr in Hamburg an. Ich fuhr wieder zu Schröders. Als ich klingelte, kam Onkel Willi an die Tür. Evi saß beim Klavier und wollte gerade einen Brief an mich schreiben. Ich öffnete meinen kleinen Koffer, gab Onkel Willi den Traubenzucker und auch Zigaretten. Am nächsten Morgen brachte Evi mich zum Zug nach Lübeck und ich fuhr nach Mölln. Auf der Strecke von Lübeck nach Mölln traf ich unsere frühere Haushaltshilfe Käthe, die mich sofort erkannte. Als ich bei meiner Mutter ankam, war ihre Überraschung zwar groß, aber sie war völlig gefaßt. Am Dienstag, den 4. Februar ging ich zum Rathaus und holte mir die Lebensmittelkarten für den Zeitraum vom 2. bis zum 20. Februar. Dort traf ich wieder Frau Kuhlmann. Sie meinte, dass es doch schön sei, dass ich nun gerade zum Geburtstag meiner Mutter entlassen worden sei. Ich sagte ihr, dass ich wieder "schwarz" auf Urlaub sei.

Da schon vorher das Gerücht im Lager umging, dass wir demnächst entlassen werden sollten, wollten wir den "Urlaub" nicht zu lange ausdehnen. So fuhr ich am 10. 2. wieder nach Hamburg zu Schröders und am 11. 2. wieder nach Nürnberg. In Hannover stieg der Lemgoer zu mir in den alliierten Wagen. Ohne Probleme kamen wir nach Ansbach und nach Nürnberg. Beim Zahnarzt zogen wir uns die Kombis wieder über, kamen ans Lagertor und erklärten den Posten, dass wir vom Gottesdienst in der katholischen Kirche kämen. So waren wir wieder im Lager.

In der Zwischenzeit hatte die PoW ca. 10 Mädchen ins Lager eingeschleust. Diese Mädchen waren froh, dass sie zu essen und es warm hatten und liefen in PoW-Klamotten umher. Dafür gingen sie von Bett zu Bett. Die Amis kamen dahinter, kassierten die Mädchen ein, brachten sie ins Lazarett zur Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten. Captain Stoutamire sagte mir am nächsten Tag, dass die Mädchen alle gesund gewesen wären.

Am Montag, den 24. Februar 1947 bekamen wir die offizielle Nachricht, dass wir zum Monats-ende nach Dachau ins Entlassungslager kämen, um von dort in die Heimatzonen und Heimatorte gebracht zu werden. Nun hieß es, die Papiere fertig machen. Da nach der Genfer Konvention jedem Gefangenen ein Arbeitslohn zustand, mußten die "Verdienstbescheinigungen" komplettiert und vom Captain unterschrieben werden. Dabei stellte sich heraus, dass vor unserer Abfahrt nach Nürnberg zwar die Papiere ordnungsgemäß geführt, aber nicht von Captain Krawczyk unterschrieben worden waren. Captain Stoutamire erklärte uns, dass er zwar die Bescheinigung vom 1. 11. 46 bis 28. Febr. 47 unterschreiben würde, aber nicht für die Zeit davor. Er meinte, da ich die Genehmigung hatte, mit dem Namen von Captain Krawczyk zu unterschreiben, könne ich die Unterschrift nachholen. Das tat ich dann auch. So hatte keiner einen Verdienstausfall.

Wir packten unsere Sachen in die Seesäcke, regelten die Abmachungen mit dem Bäcker, über gaben die Fahrzeuge usw. ordnungsgemäß an die Nachfolgeeinheit und wurden am 27. Februar mit Lkw, die wegen der Kälte extra mit Planen versehen worden waren, nach Dachau gebracht. Vorher hatte uns Capt. Stoutamire die Verdienstbescheinigungen und die Zeugnisse und Arbeitsbescheinigungen ausgehändigt. Ich hatte einen Verdienst von $ 570,40 gehabt.

In Dachau wurden wir im ehemaligen KZ abgeliefert, kamen in die Entlassungsabteilung. Wir wurden zum Ausfüllen der Entlassungsapiere nicht vom Arzt untersucht, sondern nur gefragt ob wie eine schwere Verwundung gehabt hätten. Der Truppenteil wurde auf grund der Vernehmunsgprotokolle eingetragen. So stand bei mir Waffen SS. Es wurde ein Stempel "Dischargeable Category SS" hinzugefügt. Danach wurden wir entsprechend den Heimatzonen aufgeteilt. So kam ich zu denen, die in die britische Zone sollten.

Am Montag, den 3. 3. mußten wir mit allen unseren Sachen antreten, und gingen zum Verladebahnhof. Dort stand ein Lazarettzug aus D-Zug Wagen und zwei Liegewagen. Alle Wagen trugen in der Mitte ein großes rotes Kreuz auf weißem Grund. Am Ende des Zuges war ein Güterwagen, in dem zwei britische Soldaten als Begleitkommando mitfuhren. Wir verteilten uns in die Wagen hinter der Lokomotive. Man hatte mich als deutschen Kommandoführer bestimmt. In dieser Eigenschaft ging ich zu dem Lokomotivführer und bat ihn, die besetzten Wagen zu heizen. Er sperrte die nicht belegten Wagen ab und öffnete das Dampfventil bei der Lok. So hatten wir es nach kurzer Zeit schön warm. Der Güterwagen hatte einen Ofen, den die Tommys mit Holz und Kohle heizten. Am Nachmittag bekamen wir noch unsere Marschverpflegung für 3 Tage geliefert, ebenso Getränke. Gegen Abend setzte sich der Zug in Bewegung und rollte in einem langsamen Güterzugtempo, mit einem Halt für den Lokwechsel, bis Kassel in den Sackbahnhof. Der neue Lokführer wurde gebeten, den Zug zu rangieren, so dass der Güterwagen wieder am Ende des Zuges war. Mit einigen Zigaretten als Lohn machte er das auch, öffnete das abgesperrte Ventil in der Mitte des Zuges, so dass nun der ganze Zug warm war. Nach einer uns endlos erscheinenden Zeit ging es im Schleichtempo weiter. So verbrachten wir noch die zweite Nacht im Zug und kamen am späten Vormittag in Munster Lager an.

Nach dem Aussteigen wurden wir den Provinzen entsprechend eingeteilt. Als Möllner kam ich zu der Gruppe der Schleswig-Holsteiner. Die Engländer ließen nun noch einmal die Entlassungspapiere überprüfen. Das machten ehemalige Kriegsgefangene. Ich wurde nach Beschädigungen oder Verwundungen gefragt. Ich wies auf meine erfrorene Füße hin. Daraufhin wurde ich "Fit for light work" geschrieben. Am Nebentisch wurde uns das Entlassungsgeld von RM 40,-- ausgehändigt und auf dem Entlassungsschein vermerkt, dass wir noch Anspruch auf Wehrsold auf RM 108,-- hätten, den wir nie bekamen.

Wann wir nun endgültig nach Hause konnten, war noch unklar. Da wir uns seit Dachau nicht gewaschen und rasiert hatten, der Waschraum wegen der eingefrorenen Wasserleitungen nicht benutzbar war, habe ich mich bei schönstem Sonnenschein, aber noch Frostgraden, gewaschen und mit aufgetautem Schnee rasiert. Man erklärte mich für verrückt, dass ich mit nacktem Oberkörper draußen am Schneehaufen stand, aber ich fühlte mich danach wesentlich wohler.

Am Sonnabend, dem 8. 3. morgens, hieß es auf die offenen Lkw zu steigen. Die Tommys brachten uns über Soltau, Hamburg und Lübeck zu einem Bahnhof nördlich von Lübeck. Nachdem wir die Entlassungsscheine ausgehändigt bekommen hatten, sollten wir mit dem Zug nach Hause fahren. Wenn wir nun dachten, dass diese Fahrt für uns kostenlos sei, so hatten wir uns getäuscht. Von unserem Entlassungsgeld mußten wir unsere Fahrkarte lösen. Der Zug kam bald, wir stiegen ein. In Lübeck mußte ich nach Mölln umsteigen, wo ich gegen 17 Uhr ankam. So ging meine Soldatenzeit nach 4 Jahren, 7 Monaten, 21 Tagen und 9 Stunden und die Zeit der Gefangenschaft nach 2 Jahren, 6 Monaten und 15 Stunden zuende. Der nächste Morgen begrüßte mich mit einer ca. 2 m hohen Schneewehe vorm Haus, die ich wegschaufeln mußte.


ENDE

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