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| ZEIT | Januar 1945 |
| THEMA | Katastrophen |
Der Untergang der "Wilhelm
Gustloff"
Erlebt von
Oberbootsmannsmaat
Karl Hoffmann
Die Aufzeichnungen des Autors wurden ungekürzt und weitestgehend unverändert widergegeben. Die Zahlen, die vom Autor angegeben werden, stimmen häufig nicht mit den Angaben anderer Quellen überein. So stimmen verschiedene Quellen in ihren Angaben ebenfalls nicht überein. Dieses liegt an der unklaren gesamten Quellenlage.
Falls Sie sich näher mit der Geschichte und den Daten der "Wilhelm
Gustloff" oder der Fluchtlingssituation im Jahre 1945 vertraut machen möchten
so klicken Sie das betreffende Feld unten an:
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der "Gustloff" Katastophe |
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Vorbemerkungen des Autors:
Karl Hoffmann
wurde am 5.2.1921 in Frankenberg geboren. Nach seiner Schulentlassung
packte ihn das große Fernweh: Er fuhr nach Hamburg und trat mit 15-Jahren
bei der deutschen Handelsmarine an. Er wurde 20 Monate auf Segelschulschiffen
ausgebildet und heuerte danach bei der Hamburg-Süd an. Am 1.4.1940
trat er in die Kriegsmarine ein und absolvierte in Stralsund seine Rekrutenausbildung.
Anschließend wurde er zur 1. Unterseebootsflottille nach Kiel abkommandiert.
Nach einigen Bordkommandos wurde er Oberbootsmannsmaat, Lehrer an der U-Bootsschule
in Pillau. Am 15.12.1944 wurde Hoffmann zur 2.U-Bootslehrdivision (2.ULD)
auf die "Wilhelm Gustloff" nach Gotenhafen versetzt.
Die "Wilhelm Gustloff"
war in Friedenszeiten das Flaggschiff der K.d.F. (Kraft durch
Freude) Flotte. Das 25.484 Tonnen große Schiff wurde 1939 zu einem
Wohnschiff für U-Bootfahrer umgebaut. 1940 fuhr sie ostwärts
nach Gotenhafen (Gdingen, Gdynia). Dort diente sie den U-Boot-Fahrern während
der Ausbildung als Unterkunft und Ausbildungsschiff. Mehr als vier Jahre
lag sie dort. Ihr entsprang jener Strom von U-Boot-Männern, der England
beinahe in die Knie gezwungen hätte. Admiral Dönitz (Befehlshaber
der U-Bootflotte) war zur Überzeugung gekommen, daß sie alles
das verkörperten, was den deutschen Soldaten auszeichnete. So beschloß
er, seine U-Boot-Leute zu evakuieren, als die Russen unaufhaltsam gegen
Westen vorstießen.
Die Schiffsführung
Das Schiff stand unter seltsamem Doppelkomando: Ihr Kommandanten
waren Kapitän Friedrich Petersen, ein Offizier der Handelsmarine sowie
Korvettenkapitän Wilhelm Zahn, als militärischer Kommandant -
der U-Boot-Offizier, der die Gustloff als das Wohnschiff der 2. U-Boot-
Lehrdivision kommandierte. Beide Kommandanten waren sich darüber einig,
daß diese Fahrt keine K.d.F. -Fahrt werde.
Die Besatzung und die Passagiere
Am 30.1.1945 waren zwischen 6000 und 8000 Menschen an Bord der Gustloff.
Die genaue Zahl wird nie mehr feststellbar sein, da die Passagierzahlen
nicht ausreichend dokumentiert wurden. Die Anzahl der Überlebenden
der Schiffskatastrophe (996 Personen) steht nahezu fest. Die Zahl der Toten
beträgt somit zwischen 5000 und 7000 Personen. Die meisten waren Frauen
und Kinder sowie Schwerverwundete der Wehrmacht, etwa 400 Nachrichtenhelferinnen
sowie die Besatzung des Schiffes und U-Bootsleute.
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Es müssen etwa 60.000 Menschen im Hafen von Gotenhafen gewesen sein. Sobald die Gangways heruntergelassen wurden, stürmten die Leute vor und drängten sich auf das Schiff. In diesem Durcheinander wurden viele Kinde von ihren Eltern getrennt. Entweder kamen die Kinder an Bord und die Eltern blieben im Hafen zurück, oder die Kinder blieben zurück während die Eltern von der drängenden Menschenmenge vorwärtsgeschoben wurden.
Obwohl das Schiff bis auf den letzten Platz gefüllt war, kamen noch etwa 400 Marinehelferinnen an Bord, alle zwischen 17 und 25 Jahre alt; sie wurden im E-Deck in dem ehemaligen Schwimmbad des Schiffes untergebracht. Natürlich waren die Mädchen froh an Bord zu sein: Seit die sowjetische Armee in Ostpreußen vorstieß hatte sich die Kunde von Morden und Vergewaltigungen wie ein Lauffeuer verbreitet .
In den Morgenstunden des 29.Januar 1945 kam noch ein Lazarettzug in Gotenhafen an. Die verwundeten Soldaten wurden auch noch eingeschifft. Sie wurden im verglasten Aussichtsraum vorn auf den Sonnendeck untergebracht. Viele Soldaten waren schwer verwundet, es schien unwahrscheinlich, daß sie die Reise überleben.
An Bord befanden sich jetzt etwa sieben bis achttausend Menschen,
ihre genaue Anzahl konnte bis heute nicht ermittelt werden. Es konnten
keine weiteren Flüchtlinge mehr aufgenommen werden, alle Räume
und Säle waren bis auf den letzten Quadratmeter mit Menschen belegt.
Um gegen eventuelle Fliegerangriffe gewappnet zu sein, montirte man noch
schnell ein paar Flakgeschütze auf dem Oberdeck. Etwa 60% aller Passagiere
erhielten eine Schwimmweste. Für die vielen Menschen an Bord gab es
viel zu wenig Rettungsmittel und sie konnten auch aus Zeitnot nicht mehr
beschafft werden.
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Es war eisig, auf den Decks bildeten sich Eisschichten. Wir mussten
unsere Geschütze immer wieder vom Eis befreien, um im Notfall einsatzbereit
zu sein. Ein kleines Räumboot patrouillierte vor der Gustloff und
suchte nach Minen. Es wurde Nacht, und es wurde noch kälter. Unter
Deck bei den Flüchtlingen wich die Hochstimmung. Viele waren seekrank
aber wiegten sich in Sicherheit: In wenigen Tagen werde man Stettin
oder die Küste von Dänemark erreichen.....
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Sofort brach unter den tausenden Menschen eine furchtbare Panik aus. Viele stürzten sich wie von Sinnen über Bord in die eiskalten Wellen der Ostsee. Zuerst neigte sich das Schiff unter der Wucht der Explosion nach Steuerbord, richtete sich dann aber wieder auf und bekam Schlagseite nach Backbord. Wir befanden uns querab von Stolpmünde (Pommern). Es wurden SOS Signale gesendet und Leuchtkugel abgefeuert.
Der erste Torpedo traf die Gustloff am Bug, gerade unte dem Steuerhaus und tief unter der Wasserlinie.
Der zweite Torpedo explodierte unter dem Schwimmbad des E-Decks in welchem die 400 Marinehelferinnen untergebracht waren, fast alle kamen ums Leben, ein paar überlebten die Explosion.
Der dritte Torpedo traf mittschiffs den vorderen Teil des Maschinenraums, riß den Schiffsrumpf auf und zerstörte die Maschinen.
Ich versuchte in meine Kabine zu gelangen, mir noch ein paar Privatsachen zu holen. Die Kabine befand sich im C-Deck. Es war unmöglich: Die verzweifelten tausendköpfige Menschenmenge hatte nur einen Gedanken: Hinauf auf die oberen Decks, fort von den einströmenden Wassermassen.
Während sie sich hinaufkämpften, stießen und drängten sie erbarmungslos. Wer niederfiel, war verloren. Kleine Kinder, ihren Müttern entglitten, wurden zu Tode getreten. Niemand konnte den allerärmsten Passagieren, den schwangeren Frauen und den Schwerverwundeten helfen. Dle herandrängenden Menschenmassen versuchten die Rettungsboote zu stürmen, kaum jemand hörte auf den Befehl "Frauen und Kinder zuerst" Niemand nahm Rücksicht, der Stärkere war im Vorteil.
Viele Boote waren vereist, konnten nicht zu Wasser gelassen werden. Ich sah ein Boot voller Menschen, bei dem die Taue gekappt werden mußten. Es kippte, nur an der Vorleine hängend, die aufschreienden Passagiere in die Fluten.
Die Gustloff bekam immer mehr Schlagseite, die Backbord-Reling war bereits im Wasser. Das Aussetzen der Boote wurde immer schwieriger.
Bis zu diesen Zeitpunkt stand ich noch allein auf den Sonnendeck, konnte von hier aus das Chaos beobachten. Ich sah wie sich Familien erschossen, nicht den langsamen und schrecklicheren Tod des Ertrinkens abwarten zu müssen. Wer eine Pistole hatte, wählte den Freitod. Tausende klammerten sich ans Schiff in der Hoffnung gerettet zu werden. Die Gustloff sank jedoch schneller und schneller.
Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen. Um dem Sog des sinkenen Schiffes zu entkommen, mußte ich sofort ins Wasser, um so schnell wie möglich Abstand vom Schiff zu gewinnen. Die eisige Kälte des Wassers spürte ich zunächst nicht. Ich bekam ein vollgelaufenes Boot zu fassen und hielt mich an ihm fest.
Furchtbar war das was ich nun sah: Kinder trieben in ihren Schwimmwesten
mit den Beinen nach oben, alte Menschen trieben tot im Wasser.
Grausame Todesschreie und Hilferufe.
Zwei noch lebende Kinder haben sich fest an mich geklammert und schrieen nach ihrer Mutter. So gut ich konnte hob ich sie in den vollgelaufen Kutter. Ob sie später gerettet wurden, kann ich nicht sagen.
Ich bemerkte, daß auch meine Kräfte wegen der Unterkühlung nachließen. Ich bekam ein kleines Blechfloß zu fassen und versuchte, immer weiter aus dem Sog fortzukommen. Ich war etwa 50 Meter von der Gustloff entfernt und sah, daß das Vorschiff bereits bis zur Mitte gesunken war. Das Heckteil bäumte sich noch einmal auf. Hier befanden sich noch Hunderte von Menschen, sie schrien verzweifelt in ihrer Todesangst. Das Schiff sackte schneller und schneller ab. Dann plötzlich Totenstille. Die "Wilhelm Gustloff" hatte ca. 7000 Menschen mit in die Tiefe gerissen. Die schrecklichste und größte Schiffskatastrophe aller Zeiten dauerte etwa 50 Minuten.
Seit etwa 20 Minuten, die schrecklichsten meines Lebens, trieb ich im eiskalten Wasser. Ich war über und über mit Eis bedeckt. Vereinzelt hörte ich noch Hilferufe, es werden immer weniger. Was nun geschah grenzt an ein Wunder: Ich sah einen dunklen Schatten direkt auf mich zukommen und erkannte die Umrisse eines Schiffes. Ich schrie mit letzter Kraft. Dann merkte ich, wie man mich in ein Boot zog......
Im Maschinenraum des deutschen Torpedo-Boot T 36 kam ich wieder zu mir. Matrosen betreuten uns gerettete Schiffbrüchigen, gaben uns heißen Tee und massierten uns. Dennoch starben in dieser Nacht noch viele an Unterkühlung und Entkräftung. Unter den Geretteten waren auch einige schwangere Frauen. In der Nacht wurden auf dem Torpedoboot drei Kinder geboren, die Matrosen fungierten als Hebammen.
Torpedo-Boot T 36 stand unter dem Kommando von Kapitänleutnant Hering, es war als Gleitschutz für den schweren Kreuzer "Admiral Hipper" bestimmt. Beide Schiffe hatten ebenfalls Flüchtlinge an Bord und kamen von Ostpreußen.
Plötzlich ein Aufheulen der Maschinen und das Schiff nahm große Fahrt auf. Wie ich später erfahren habe, wurden zwei Torpedos gesichtet. Einer passierte Steuerbord, dem anderen entkam T 36 durch einen sofortigen Kurswechsel. Das Schiff lief so rasch ab, daß einige Leute eigener Besatzung in den Rettungsbooten weggeschwemmt wurden und ertranken. Aber es war dem Kommandant gelungen 550 Menschen zu retten. Wegen der großen U-Bootgefahr drehte T 36 ab und legte am 31.1.45 gegen 14 Uhr in Sassnitz (Rügen) an.
Hier lag das dänische Lazarettschiff "Prinz Olaf" und nahm die
Überlebenden der Gustloff an Bord. Viele mußten auf Bahren an
Land gebracht werden. Wir von der Marine wurden in Kasernen untergebracht
. Auch die vielen tote Menschen an Bord wurden abgeholt. Traurig betrachtete
Kapitänleutnant Hering von der Kommandobrücke das Geschehen,
und als der letzte Passagier sein Schiff verließ, salutierte er.
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Dieses Massengrab vieler tausend, meist junger, Menschen
sollte uns Lebende mahnen, die Verantwortlichen der Völker so zu beeinflussen,
daß Kriege, die so unsagbares Leid über die Menschheit bringen,
in Zukunft nicht mehr entstehen können.
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